Mai 2008
Monats-Archiv
Das Peking auch ganz schön auf die Gesundheit gehen kann, kann man heute erleben. Dank Windstille haben sich gewaltige Smogschwaden in die Straßen von Peking gelegt. Gut und gerne kann man vielleicht gerade mal 700 Meter sehen, danach verschwindet alles im Dunst.
Nach einem kurzen Aufenthalt an der “frischen” Luft bin ich jetzt erstmal außer Gefecht gesetzt. Schon auf dem Heimweg plagte mich Kurzatmigkeit und ein leichter Schwindel. Jetzt hab ich sehr üble Kopfschmerzen und meinem Magen geht es auch nicht sonderlich gut. Ich hab mir gleich mal nen Kräutertee gemacht – vielleicht hilft es ja. Ich glaube aber ich sollte mir lieber ein Beatmungsgerät für solche Tage zu legen. Nach den Zahlen des WHO ist die Luft in etwa so verschmutzt, als würde man zwei Päckchen Zigaretten am Tag rauchen. Das ist zwar reichlich plakativ aber so fühle ich mich im Moment tatsächlich.
Da sind mir die Sandstürme,die hier ab und an mal durchblasen, doch wesentlich lieber. Heute stinkt die Stadt wie eine Garage, in der jemand den Automotor laufen lässt. Ich bin wirklich gespannt, wie die das noch bis zu den Spielen hinbiegen wollen.
18:36 Uhr in China | 1 Kommentar
Wegen dem verheerenden Erdbeben ist von Peking eine dreitägige Staatstrauer angeordnet worden. Überall wehen die Flaggen auf Halbmast und heute um 14:28 Uhr, genau eine Woche nach dem Beben, wurde 3 Minuten eine “Schweigeminute” eingelegt.
Das heißt auf Chinesisch: Alle ohne Auto oder Moped standen 3 Minuten mit geneigtem Kopf still. Alle IN Autos oder auf Mopeds schlugen so laut Krach wie sie nur Konten. Es wurde gehupt, getrötet und möglichst wurden noch Sirenen angeschmissen. Das waren die lautesten Schweigeminuten meines Lebens.
Da das aber den katastrophalen Ausmaßen des Bebens mit inzwischen fast 30.000 Toten und weit über 5 Millionen jetzt heimatlosen Chinesen in keiner Weise gerecht wird, wird in den nächsten drei Tagen die sogenannte “öffentliche Freizeitgestaltung” unterbrochen. Das heißt konkret: Bars, Discos, Karaoke-Bars, Vergnügungsparks und Vergnügungseinrichtungen sind geschlossen. In der Innenstadt waren die immer gut besuchten Bier-Bars verrammelt und die Mitarbeiter wussten gar nicht, was sie groß machen sollten.
Selbst das Fernsehprogramm ist faktisch auf Erdbebenberichterstattung geschrumpft. Alles, was Unterhalten könnte, wird von der Mattscheibe verbannt. Die paar ausländischen Sender, die es hier gibt, zeigen nur ein schwarzes Bild mit folgender Botschaft:
Das wäre ja alles nicht so schlimm, aber was tun Chinesen, wenn sie nicht fernsehen können? Sie gehen ins Internet, was zur Folge hat, dass es absolut unbenutzbar wird. Zwischenzeitlich ging bei mir hier gar nichts mehr, nur noch Google war aufrufbar – und seltsamerweise StudiVZ. Was das genau zu bedeuten hat, kann vielleicht nur der Holzbrinck-Verlag erklären
Eine solch konsequent durchgezogene Staatstrauer habe ich noch nie erlebt. Sie wirkt aber, ich stand heute tatsächlich einige Minuten am Tian’anmen und gedachte der Opfer. Außerdem habe ich mich heute doch noch mal ausführlich mit dem Beben beschäftigt. Es gab dazu eine sehr interessante Diskussionsrunde auf CCTV9, dem englischsprachigen Ableger des Staatsfernsehens.
Man mag ja von angeordneter Trauer halten was man will, aber mit welcher Konsequenz die das hier durchziehen, ist schon bemerkenswert. Da sind unsere Schweigeminuten in Deutschland ja schon fast pietätlos.
Wochenende in China fühlt sich eigentlich gar nicht wie Wochenende an, überall sind die Läden geöffnet, gearbeitet wird sowieso immer – Sonntagsruhe gibt es nicht. Auffällig ist nur, dass noch viel mehr Touristen als sonst, die Straßen bevölkern.
Heute bin ich das erste Mal auch direkt kehrt gemacht, als ich die proppenvolle U-Bahn-Linie eins vor mir sah, bei sonnigem Wetter hatte ich trotz gekauftem 20-Cent-Ticket, keine Lust mich da mit rein zu zwängen. Also bin ich ein paar Stunden durch die Gegend gelaufen.
Die schwül-warme Luft, ab und zu durch kräftigen, sandigen Wind abgekühlt, machte mir doch ganz schön zu schaffen – trotz genug Trinken im Gepäck. Nicht nur das der Sand irgendwann unangenehm zwischen den Zähnen knirschte, auch der Kreislauf wollte nicht so richtig. Auf dem Tian’anmen Platz lag dann – wie zur Mahnung – ein beleibter amerikanischer Tourist auf dem Boden umringt von Armee, Polizei und natürlich auch ein paar Notärzten, die herbeigeeilt waren. Schien alles in Ordnung zu sein, sonderlich hektisch sahen sich nicht aus.
Wenn ich mir einen Platz aussuchen könnte, wo ich mal einen kleinen Kreislaufzusammenbruch haben dürfte, dann wohl der Tian’anmen. Da sind so viele Sicherheitskräfte, da fühlt man sich gleich geborgen und kann darauf setzen, dass innerhalb eines Wimpernschlages auch ein Notarzt vorbei kommt. Außerdem ist der Platz sehr sauber, da fällt man dann wenigstens nicht in den Dreck.
Ich hab mich schon immer gefragt, wie die den so schön sauber halten. Heute hab ich dann gesehen, wie’s gemacht wird – und das möchte ich euch nicht vorenthalten:
…mit großer Wirkung. Da hat wohl jemand gepennt. Normalerweise läuft auf diesem riesigen Bildschirm nahe dem Birds Nest irgendwelche Werbung.
Das Bild wurde übrigens nicht abends gemacht, das ist einfach der berühmte Pekinger Smog, der sich hier immer noch schön regelmäßig über die Stadt legt.
Für alle die sich im Moment wundern, dass es auf der Seite von Atos Origin noch keine Beiträge von mir gibt, hier mal eine kleine Erklärung dazu.
Derzeit durchlaufen alle Inhalte die ich für den Atos-Blog erstelle noch eine etwas längere Phase der Begutachtung durch das IOC. Da dieses natürlich ein sehr wichtiger Kunden für Atos Origin ist, will das IOC natürlich wissen was da so drin steht, bevor es veröffentlicht wird. Also durchlaufen alle Beiträge und Videos eine Kontrolle, jedenfalls die ersten Wochen wird das wohl so sein – danach geht das dann schneller mit dem Veröffentlichen.
Und damit jetzt nicht alle Enttäuscht sind, hier noch ein sympathischer Gullideckel, der mir heute begegnete:
Also es ist ja schon fast nicht mehr auszuhalten, mit welcher Arroganz Spiegel Online manchmal über das Weltgeschehen berichtet. Da bricht über China die größte Katastrophe seit 30 Jahren herein und Spiegelautor Wieland Wagner hat nichts Besseres zu tun, als mal wieder das politische System Chinas anzugreifen.
Premier Wen Jiabao eilt durch die Krisenregion, hört sich die Nöte der Menschen an und verspricht schnelle Hilfe. Dass Wen als Krisenmanager auftritt, ist für Wagner aber keine staatsmännische Größe, sondern nur Zeichen eines strukturell schwaches politisches System.
Denn anders als im Westen können die Chinesen ihre Unzufriedenheit nicht mittels einer unabhängigen Presse oder durch demokratische Wahlen äußern.
Was das Ganze jetzt mit dem Erdbeben zu tun hat, erschließt sich mir überhaupt nicht. Mich erinnert Wen eher an Gerhard Schröder, der beim Hochwasser anno 2002, als Krisenmanager auftrat und alles zur Chefsache machte.
Wie kann man denn ernsthaft einen Artikel schreiben, der ein solches Vorgehen diskreditiert? Wagner kann. Er kritisiert einfach mal pauschal drauf los: gegen die Chinesische Presse, die Regierung und gegen alles was ihm noch so einfällt. Das übliche herablassende Geschwafel der ach so wunderbaren freien Presse der westlichen Welt.
Kritik an den politischen Umständen in China kann gerne geübt werden, aber in Anbetracht einer solchen Katastrophe einen dermaßen polemischen Artikel zu verfassen, spricht entweder von Dummheit oder der pure Absicht die Klickrate der Seite zu erhöhen. Beides ist dem Spiegel ja inzwischen zuzutrauen. So langsam nervt dieses China-Bashing gewaltig.
Ich sehe hier viele besorgte Chinesen, die sich für Blutspenden in lange Schlangen einreihen, die freiwillig Schaufeln, Zelte und Boote ins Krisengebiet fahren, die Geld spenden, obwohl sie selbst kaum etwas haben und die Medien versuchen alles, diese besorgten Menschen zu informieren. Ich erkenne da keine Unterschiede zu Katastrophen, die uns heimgesucht habe – oder sehe ich das falsch?
Kaum in Peking, schon werde ich interviewt. Der großartige und überregional wohl kaum bekannte Augsburger Radiosender RT.1 hat ein kurzes Telefon-Interview zum Stand der Dinge in China mit mir geführt.
Als professioneller Chinakorrespondent, der ich nun mal bin, stand ich natürlich Rede und Antwort – auch bei schwierigen Fragen. Gut es gab keine schwierigen Fragen, aber das tut ja an dieser Stelle nichts zur Sache.
Wer heute RT.1 hört, der kann womöglich irgendwann mal meine Stimme hören. Der Redakteur meinte abschließend noch: “Das Ding wird sicherlich gesplittet auf mehrere Blöcke, da müssen wir mal schauen, wie das mit einem Mitschnitt aussieht.” Also werde ich mein kolossales Interview wohl niemals zu hören bekommen. Aber wenigstens könnt ihr Augsburger mal die Ohren offen halten.
Na gut, langweilig ist mir nicht, ich hab ja auch noch so genug zu tun, aber derzeit kübelt es hier aus Eimern und nass werden will ich im Moment irgendwie nicht. Ich werd mir demnächst wohl einen Schirm kaufen müssen.
Aber so hab ich wenigstens Zeit mal mein Appartement kurz vorzustellen. Ich hatte ja schon erwähnt, dass es ziemlich nah an den olympischen Spielstätten liegt, aber dass ich quasi in einen komplett neuen Stadtteil ziehe, wusste ich nicht. Hier wird immer noch kräftig gebaut, auch an meinem Appartementkomplex. Dafür wird dann leider öfter mal der Strom abgestellt.
Trotzdem muss ich sagen, dass es sich hier ganz angenehm leben lässt. Obwohl mir das alles einen Tick zu luxuriös ist: Sicherheitsbeamte an den Eingängen zum Komplex, Zugang nur mit Sicherheitskarte, überall Kameras und dann noch die toll ausgestatteten Appartements.
Natürlich erkennt man, wenn man ganz genau hinsieht, dass hier und da mal wieder geschludert wurde. So ist die Dusche etwas undicht, richtig gut verfugte Fliesen sehen anders aus und Türen in der Küche sind eine glatte Fehlkonstruktion. Dennoch bin ich echt zufrieden mit der Wohnung, da es eine doch sehr ruhige Wohngegend ist und drum herum doch alles zu finden ist, was man so braucht: Einkaufsmöglichkeiten, Essmöglichkeiten und U-Bahnanbindung – was will man mehr?
Gut der Breitbandanschluss mutet wie immer etwas langsam an, aber das ist von der Tageszeit abhängig, daran gewöhnt man sich.
Ich fühle mich jedenfalls wirklich wohl.
14:41 Uhr in China | 1 Kommentar
Heute beim Einkaufen erstmalig entdeckt: Tiefkühlpizza! Hab ich mir gleich mal gekauft, schließlich hab ich ja eine voll funktionsfähige Küche in meinem Appartement!
Dass die Pizza nur einen Durchmesser von 15 cm hat, ist ja erstmal zweitrangig, schließlich will ich meinen Magen langsam an China gewöhnen und esse möglichst konservative Sachen – nach europäischen Maßstäben natürlich. Wenn ich dann ab und an noch mal was europäisches Esse, bleibt mein Magen locker und ist nicht immer so verkrampft.
Die kleine Pizza wird übrigens im Ofen gemacht, weil viele Chinesen, wenn überhaupt, eher eine Mikrowelle als einen Backofen zu Hause haben. Ich gehe strikt nach Anleitung vor. Zwei Bilder zeigen, dass ich die Pizza aufmachen und noch in der Tüte in die Mikrowelle stecken soll – ob das gut geht?!
Von dem anderen Kauderwelsch verstehe ich gar nichts, außer zwei Zahlenangaben 700 und 2. Da es selbst in China keine Mikrowellen mit 2 Watt gibt, in der man die Pizza 700 Minuten erhitzen könnte, stelle ich die Mikrowelle auf 2 Minuten ein. Nachdem die verstrichen sind, entschließe ich nach fachmännischer Analyse kurzerhand, dass die Pizza noch 1 Minute vertragen könnte, der Käse war schließlich noch nicht mal richtig zerlaufen.
Als ich mir dann die Pizza ausgepackt und auf dem Teller liegend vor mir sah, entschloss ich, dass dieses matschige Etwas, dann doch noch 1 Minute länger in der Welle bleiben könnte, aber diesmal ohne Tüte.
Was soll ich sagen, danach sah sie doch schon fast wie eine richtige Pizza aus. Der Käse war zwar inzwischen Unter die Pizza gelaufen, aber Hauptsache er war noch im Kontakt mit der Pizza. Und ob ihr es glaubt oder nicht, das Ding hat wirklich nach Pizza geschmeckt! Das nächste mal gehe ich dann aber doch lieber wieder zu einem Italienisches Restaurant, hier gibts eins gleich um die Ecke in der Fressmeile.
Das fragte heute eine Kollegin einfach mal so in die weite des Großraumbüros inmitten von Peking. Ich sah sie fragend an, auch die anderen Mitarbeiter schienen etwas aufgeregt zu sein. Warum zum Teufel sollten wir rennen?! Als dann ein Pulk von Kollegen an mir vorbei zum Fenster schritt brachte mir eine junge Dame auch die Lösung dieses Rätsels näher. “Haven’t you noticed the earthquake?!” fragte sie mich.
Nein, hatte ich nicht. Da bebt tatsächlich das erste Mal die Erde an einem Platz, an dem ich mich auch gerade befinde und ich bemerke es nicht mal. Die Leute draußen auf der Straße hatten das aber anscheinend auch nicht weiter bemerkt, draußen hupte der Verkehr wie eh und je und Passanten versuchten sich zwischen den Autos durchzuschieben.
Das Erdbeben hatte sein Epizentrum auch über 1500 km entfernt in der Provinz Sichuan, dort richtete es erheblichen Schaden an. Von den 3,9 die in Peking auf der Richterskala gemessen wurden, merkte ich wie schon gesagt, gar nichts. Also entweder bin ich total unsensiebel gegenüber Erdbeben oder mein verdammter Jetlag wirkt sich auch auf meinen Gleichgewichtsinn aus.
Hier also die Entwarnung an alle die sich Sorgen machen: Mir gehts gut… bis auf den verdammten Jetlag!
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