Juni 2008
Monats-Archiv
Dass ich die Touristen hier in Peking sehr kritisch betrachte, ist ja den ein oder anderem schon bekannt. Ich bin zwar auch nichts anderes als ein Laowai, wie die Ausländer hier genannt werden, ganz so peinlich führ ich mich aber hoffentlich nicht auf.
Heute hab ich mir den Yongehong Lama-Tempel angesehen, den größten tibetischen Tempel außerhalb Tibets, eine wunderschöne Anlage aus dem 18. Jahrhundert. Highlight im wahrsten Sinne des Wortes ist eine 18 Meter hohe, aus einem einzigen Stück Sandelholz geschnitzte Statue des Buddhas Maitreya.
Der Tempel wird offiziell noch genutzt, aber die “Mönche” die dort rumsitzen, sehen dann irgendwie doch eher wie normale Angestellte aus. So wird hier trotz des Weihrauches nur ansatzweise tibetische Atmosphäre verbreitet. Dass der Tempel inzwischen also nur noch sehr wenig mit Tibet zu tun hat, störte eine Gruppe Deutscher Touristen allerdings nicht ausgiebig mit ihrem chinesischen Reiseführer über Tibet zu diskutieren. Schließlich haben Deutsche ja ein sehr großes Herz für unterdrückte Völker.
Es war ehrlich gesagt ziemlich peinlich, wie da ein Landsmann mit ernster Mine versuchte den Reiseführer davon zu überzeugen, dass dieser einem Volk von Barbaren angehören würde. Er sagte es zwar nicht direkt, aber es schwang in seiner recht simplen Argumentation mit. Dass die Langnase im Grunde nur seine ungeheure Unwissenheit zur Schau stellte und sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufführte, störte den kleinen Reiseführer nicht. Er lächelte und erklärte dem Deutschen die offizielle Sichtweise der Chinesen.
Da frage ich mich, warum denken manche denn ständig, sie müssten die Welt retten und interessieren sich dabei so wenig für die Kultur der anderen Völker? Aber unsere Sicht der Dinge ist ja immer die einzig Vernünftige und die muss dann auch mit dem Holzhammer verbreitet werden.
Und als dann ein anderer Deutscher sich in der Tempelanlage eine Zigarette ansteckt und dann wütend wird, als ein Angestellter ihn darauf hinweist er solle die Kippe ausmachen, war es mir richtig peinlich ein Deutscher zu sein. So viel kulturelle Ignoranz an einem Tag war mir dann doch zu viel oder würde einer von euch auf die Idee kommen in der Kirche zu rauchen?
Der Lauf der Welt ist manchmal wirklich seltsam. Da dreht man ein Video und schwupps hat man die Möglichkeit rund um die Welt zu reisen. Nein, ich rede jetzt nicht von mir, ich rede von Matthew Harding.
Der Weltenbummler tauchte vor ein paar Jahren mit einem ziemlich seltsamen Tanzvideo im Internet, dass er aus einer Laune heraus mitten in Hanoi aufgenommen hatte. Das war so seltsam und sah so dämlich aus, dass der Kaugummi-Hersteller Stride Gum ihn 2006 darauf ansprach. Da sich seltsame und dämlich aussehende Videos im Internet als absolut virales Marketinginstrument herausgestellt hatten, fragten sie bei Matt an, ob er das nicht noch mal machen könnte. Diesmal allerdings sollte er in so vielen Ländern wie möglich tanzen.
Matt sollte also rund um die Welt reisen, sich dabei beim Tanzen filmen und dafür würde er sogar Geld bekommen, wer hätte so etwas abgelehnt. 6 Monate, 7 Kontinente und 39 Länder später präsentierte er sein erstes Video. Es wurde natürlich ein Erfolg, so funktioniert nun mal das Internet: Kleine dämliche Ideen finden immer anklang. Matt bekam sehr viel Post von überall auf der Welt, indem viele ihn fragten, ob er nicht mit ihnen zusammen tanzen wolle.
So trug Matt 2007 diese Idee, zusammen mit anderen Leuten dämlich vor der Kamera zu tanzen wiederum zu Stride, die – how cool is that ?! – tatsächlich wieder dazu bereit waren, Matt Geld zu für das Projekt zu geben.
Diesmal brauchte er 14 Monate, bereiste 42 Länder und schaffte es über 1000 Freiwillige zu finden, die mit ihm zusammen tanzen wollten. Herausgekommen ist ein richtig, richtig gutes Video, die sympathisch-durchgeknallte Menschen beim Tanzen vor einer unglaublichen Kulisse zeigt und das mit wirklich toller Musik unterlegt.
Jetzt kann man viel von Völkerverständigung sprechen oder vom Internet, das keine Grenzen kennt. Die Interpretation seines Werkes überlässt Matt allerdings anderen. Auf die Frage, was denn seine Message hinter dem Video wäre, lässt er sich nur ein “Up to you. I’m just dancing” entlocken. Irgendwie sehr sympathisch der Typ. Für weitere Infos und die ausführliche Entstehungsgeschichte gibt’s die Seite Where The Hell Is Matt?.
Ich überleg gerade, ob es ratsam wäre, dass mal auf dem Tiananmen-Platz mit Blick auf das Mao-Bild zu probieren. Ich glaub das würde dann mehr zu einem Wettlauf mit dem Sicherheitskräften werden, also lassen wir es lieber…
[via Basti]
Was hab ich gestern nur gegessen. Irgendwie gehts mir heut gar nicht gut…
Mein Gott was hab ich geflucht, was hab ich gezetert beim nervenaufreibenden Halbfinalspiel Deutschland gegen die Türkei.
Das lag aber nicht nur an der teilweise desolaten Leistung der Nationalmannschaft, sonder auch an der kolossalen Liveübertragung im chinesischen Fernsehen. Musste ich das chinesische Äquivalent zu Beckmann, Netzer und Delling schon in der Halbzeit über mich ergehen lassen, strahlten sie mich plötzlich nach 55 Minuten Spielzeit wieder an. Dem Chinesen war das Spiel anscheinend zu langweilig, also wurde die Analyse einfach mal vorgezogen. Lachend wurde also das Foul an Lahm in der 52 Minute analysiert.
Als dann nach quälenden 5 Minuten wieder ins Spiel geschaltet wurde, war glücklicherweise nichts weiter passiert. Aber entweder stand die Leitung nach Europa heute nicht oder CCTV hatte einfach nicht die Rechte am kompletten Spiel. Ich durfte also nach 75 gespielten Minuten wieder das lustige Laber-Trio in der billigen Kulisse betrachten.
Wie kann man denn die Schlussphase eines Halbfinalspiels einfach nicht zeigen?! Da kann man doch die ersten 60 Minuten auch gleich weglassen! Ich war jedenfalls bedient und zappte wild durch die Fernsehkanäle.
Bei Tick, Trick und Track auf CCTV wurde dann das 2:1 durch Klose als -man höre und staune – Texteinblendung präsentiert. Was die drei Labertaschen nicht weiter zu stören schien. Sie erzählten über Platini und ihren letzten Friseurbesuch nehme ich an. Ich wurde wieder hektisch.
Nach einer weiteren Zapp-Orgie lief plötzlich das Spiel wieder, dummerweise stand es 2:2 und ich hatte keine Ahnung, was schon wieder passiert war. Gerade wollte ich wieder loszetern, als Lahm plötzlich losmarschierte und das 3:2 schoss. Und weil alle Chinesen Hellseher sind, endete damit auch die Übertragung und ich erlitt einen Nervenzusammenbruch!
Den Schlusspfiff verfolgte ich dann letztlich im Internet-Liveticker. Was für ein nervenaufreibendes Spiel, so was möchte ich im Finale nicht noch mal sehen von der Nationalmannschaft nicht und schon gar nicht von diesem blöden CCTV!
Jetzt aber erstmal: FIIIIIIINAAAAAAALLLLEEEEEEE OOOHOOOOOOO!!!! Feiert mal für mich mit, ich hab nur noch ein paar Stunden zu schlafen!
Endlich kann ich meinen Namen auch in Großbuchstaben korrekt schreiben! Ab sofort gibt es ein großes ß! Einem wunderschönen GEIßLER steht damit nichts mehr im Wege. Wie lange litt meine Familie schon darunter mit Geisslers in einen Topf geworfen zu werden, dabei wollten wir nie etwas mit denen zu tun haben. Aber jetzt wird alles besser.
Nun müssen sich nur noch die Designer über das Aussehen und die Tastaturhersteller über die Position des großen ß Gedanken machen. Jetzt wird natürlich wieder darüber gemeckert, ob das denn überhaupt sinnvoll ist. Mir ist dass aber egal, ich schreib jetzt nur noch GEIßLER.
Jetzt müsste das ß nur noch im Ausland erkannt werden, hier gucken die Chinesen schon immer etwas doof, wenn ich mit meinem Namen ankomme. “Whats that for a letter?! Beeee or Rrrr?” Als Geißler hat man es schon nicht leicht, das könnt ihr euch gar nicht vorstellen.
Irgendwie immer wieder seltsam, wenn man am hellichten Tag direkt in die Sonne schauen kann. Wenn es nicht so hell wäre, könnte es eigentlich auch der Mond sein. Dafür sorgt der Smog manchmal für sehr schöne Farben beim Sonnenuntergang.
Wieder was gelernt heute. Gehe niemals, wirklich niemals ohne Schirm raus, auch wenn es eigentlich nicht nach Regen aussieht. Merke also: Sommerzeit ist Regenzeit in Peking! Ich hab mir jedenfalls heute einen Schirm gekauft, hoffe der hält auch so lange wie ich hier bin.
Nachdem ich also am Freitag und gestern Abend vor Langeweile fast gestorben wäre, weil ich auf diese doofen Eimer gewartet hab, keiner kam und die Dame an der Rezeption entweder nicht erreichbar war oder mich überhaupt nicht verstand, war ich natürlich zurecht gefrustet.
Als dann heute um 4:30 Uhr (!!!) das Telefon klingelte und wieder jemand in schlechten Englisch versucht mir zu erklären, ich hätte ja einen Weckdienst bestellt, platze mir der Kragen. Ich erklärte der Dame, dass ich niemals, niiiiemals einen Weckdienst bestellen würde, weil ich nichts mehr hasse als von einem klingelnden Telefon geweckt zu werden – schon gar nicht um 4.30 Uhr am Sonntag!! Und warum zum Geier seit zwei Tagen gesagt, wird das die Meldebescheinigung überprüft werden soll und nie jemand kommt fragte ich sie natürlich auch noch.
Was folgte war ein kurzer Moment Stille und dann wiederholte die Dame am anderen Ende der Leitung ihren Weckdienst-Satz und erklärte, das wäre ja jetzt erledigt. Sie hatte wohl nicht ein Wort von dem verstanden, was ich ihr an den Kopf geworfen hatte. Manchmal hat man es schon nicht leicht…
Nur weil ich gerade am anderen Ende der Welt bin, heißt das ja nicht, dass ich nicht auch mal wieder eine kleine Filmkritik schreiben könnte. Thematisch passend zu meiner Zeit hier in Peking ist wohl der Film Boomtown Beijing, der an diesem Wochenende in Peking gezeigt wird.
Peking hat sich durch die Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen in den vergangen sieben Jahren so unglaublich verändert, so schnell und radikal, dass es sich einfach anbietet, einen Film über die Stadt zu machen. Im Dokumentarfilm Boomtown Beijing möchte die Regisseurin Tan Siok Siok einen Kontrast zu dieser olympischen Glitzerfassade zeigen. Dazu begleitet sie vier normale Einwohner der Millionenstadt und zeigt, was Olympia 2008 für sie bedeutet und wie sie sich vorbereiten.
Da ist der Taxifahrer Xu Qing, der fleißig Englisch lernt, um seinen Fahrgästen besser zu Diensten zu sein. Nebenbei sieht er quasi im Vorbeifahren, wie sehr sich die Stadt Tag für Tag verändert. Der Straßenfeger Liu Zhi möchte gerne eine Kunstperformance in seinem Stadtteil organisieren und diese am 400. Tag vor den Olympischen Spielen aufführen. Zhou Bo Wen Rui ist bei einer Schulveranstaltung der olympische Engel, der die Fackel entzündet. Er träumt davon, beim echten Fackellauf mitzumachen.
In der stärksten Episode begleitet man den fast blinden Athleten Zhao Hong Bo, der seine Chance auf eine Goldmedaille bei den Paralympics nutzen möchte. Es ist seine letzte Möglichkeit, denn einerseits ist er schon 37 Jahre alt und andererseits wird sein Augenlicht immer schwächer. Bei ihm wird die Idee der Regisseurin den olympischen Traum aus Sicht von normalen Chinesen zu zeigen am besten umgesetzt. Wenn der Athlet erklärt, er tue das auch für seinen Sohn, damit er stolz auf ihn sein kann, dann ist das schon ein sehr erhebender Moment.
Leider sind nicht alle Episoden so gelungen. Der Taxifahrer bleibt zu blass und kann kaum mit den Fahrern mithalten, denen ich hier schon begegnet bin. Vor allem aber bleibt sein Motiv, sein olympic dream völlig verborgen. Er bereitet sich zwar akribisch auf die Spiele vor, aber außer monetären Gründen, scheint er keine weiteren Motive zu haben.
Der kleine Junge, der so sehr Fackelträger werden möchte und der alte Straßenkehrer sind unglaublich sympathisch, aber leider bleiben auch ihre Motive verborgen. Was bedeuten die Olympischen Spiele denn für sie? Wo liegen die Gründe für ihren olympischen Traum. Das sind dann leider verpasste Möglichkeiten, die Siok Siok nicht nutzt.
Trotzdem ist Boomtown Beijing ein toller Dokumentarfilm geworden. Er bietet einen faszinierenden Einblick in den Alltag und die Ambitionen von einfachen Bewohnern Pekings vor dem Hintergrund der Olympischen Spiele. Ein paar skurrile Momente sind natürlich auch dabei. Also durchaus interessant der Film: Ansehen, wenn man die Möglichkeit dazu hat!
Ihr könnt die junge Frau mit Ihrem Film ja auch mal nach Augsburg einladen, wir haben doch so viele schöne Kinos
Peking macht es einem inzwischen recht leicht sich einzuleben. Hier gibt es eigentlich alles, um so wenig Heimweh wie möglich aufkommen zu lassen und genug Neues, um die Heimat vergessen zu machen.
Es gibt aber ein paar Dinge, an die ich mich einfach nicht gewöhnen kann, z. B. die chinesische Variante des Naseputzens: schnorchend von ganz, ganz unten hochziehen und mit einem lauten Spuckgeräusch einfach ausrotzen. Die Chinesen tun das überall, immerzu und mit einer inbrünstigen Hingabe. Das tun zwar viele Jugendliche in Deutschland auch, aber in China tun es einfach alle: Kinder, Männer, Frauen und am liebsten tun es die Rentner.
Das ist der chinesischen Regierung inzwischen so peinlich, dass sie an vielen Plätzen das Spucken offiziell verboten hat. Gerade da, wo viele Touristen unterwegs sind, soll auf die schnorch-und-spuck-Geräusche verzichtet werden.
Ob sich die Regierung da nicht etwas weit aus dem Fenster lehnt? Schließlich ist dieses Spucken eine sehr alte Angewohnheit der Bevölkerung. Es gehört zu China wie der Pfeffer in die Sichuan-Küche.
Chinesen empfinden Naseputzen als höchst unhöflich. Zu Tisch sollte man sich nie erlauben die Nase zu schnauben, dazu geht man gefälligst auf die Toilette! Das führt dann dazu, dass viele Chinesen aus reiner Höflichkeit ständig den Rotz hochziehen und irgendwo im Rachenraum verteilen, wenn sie mit dir reden. Das Gespräch mit einem erkälteten Chinesen wird dann ziemlich anstrengend kann ich euch sagen.
Die chinesische und europäische Kultur sind dann manchmal doch so diametral verschieden, dass mir eine Gewöhnung an die Umstände wohl nicht gelingen wird. Dank meiner – natürlich – herausragenden Erziehung empfinde ich dieses Spucken einfach ziemlich ekelig – auch in Deutschland.
Doch die Situation hat sich schon gebessert habe ich mir sagen lassen, vor ein paar Jahren hat man im Restaurant noch regelmäßig auf den Boden gerotzt – das ist mir bisher nicht untergekommen.
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