August 2008


So, ich mach mich vom Acker hier. Es war eine sehr interessante Zeit, mit sehr interessanten Menschen und tollen Erlebnissen – aber das war ja zu erwarten ;) Trotzdem freu ich mich auf zu Hause, auch wenn bis dahin noch ein stinklanweiliger Flug auf mich wartet.

Adé Peking! Wir sehen uns in Augsburg.

Die letzten Tage vor meiner Abreise aus Peking ergründe ich doch tatsächlich noch einige der großen Mysterien der chinesischen Kultur. Warum zum Beispiel in Restaurants häufig extrem laute Musik oder Fernsehsendungen laufen.

Ich war heute wohl einer der Ersten, der sich in den Frühstücksraum des Hotels begeben hatte, jedenfalls wurde für mich extra der Toaster angeschmissen und Musik aufgedreht – nur nicht so laut wie sonst.

So dudelte also ein wenig westliche Popmusik aus den Lautsprechern, als der erste chinesische Gast eintraf. Ich schmierte schon meinen ersten Toast, als der Herr sich am Tisch neben mich setzte und seinen voll beladenen Teller abstellte.

Dann legte er los, lautstark schlürfte er die Suppe in sich hinein, ab und an blubberte es etwas, weil er ja auch Luft holen musste. Nachdem er sich zwischenzeitlich noch mal etwas Suppe geholt hatte, begann er seine kleinen Hefeklößchen lautstark schmatzend zu verzehren.

Als die Klößchen und die Suppe verzehrt waren, machte er sich an den Salat auf dem Teller, dazu hielt er den Teller einfach vor seinen Mund und schob den Salat mit den Stäbchen in Selbigen – laut schmatzend natürlich.

Als dann nach und nach noch drei weiter Chinesen eintrafen, wurde plötzlich in Dolby Surround geschmatzt, gehustet und Rotz hochgezogen. Ich muss gestehen, ich hab mich inzwischen dran gewöhnt, das ist nun mal so in China, aber in diesem Moment begriff ich die sonst so lautstarke Beschallung in den Fresstempeln Chinas. Wir sind hier schließlich nicht im Schweinestall am Futtertrog, sondern in einem Land mit jahrtausende alter Tradition.

China kann auf eine sehr lange und glorreiche Geschichte zurückblicken, das steht wohl außer Frage. Eine der wichtigsten Strömungen, die diese Geschichte beeinflusst hat, ist der Konfuzianismus. Der hat neben dem Buddhismus und Daoismus Chinas Entwicklung maßgeblich geprägt.

Als ich heute im Konfuziustempel in Peking war konnte ich dann auch das Geheimnis ergründen, warum der Konfuzianismus so bedeutend werden konnte: der Ink Lake. Dieser Tinten-See soll der Legende nach große Schreiber hervorbringen.

Trink ein Autor vom Wasser des Teiches, wird er großartige Schriften in großer Zahl schreiben. Nimmt er das Wasser für die Tinte, so wird er eine hervorragende Handschrift haben. So weit die Legende. Natürlich hört sich das sehr verlockend an, weil ich erstens mit meiner Handschrift nicht zu frieden bin und zweitens ja auch irgendwann noch meine Masterarbeit schreiben muss.

Leider sieht der See heute eher aus wie ein Tintenfass. Ein Blick in den Brunnen ließ nicht viel am Grund erkennen, dank Fotoblitz konnte ich aber den derzeitigen Wasserstand ganz gut sehen, bzw. nicht sehen. Der Brunnen war bis oben gefüllt mit Müll.

Was sagt das jetzt philosophisch gesprochen über die heutige chinesische Kultur aus?

Konfuzius würde dazu wohl sagen: “Lenken mit Bestimmungen und disziplinieren durch Strafen mag das Volk im Zaum halten, jedoch ohne Schamgefühl. Lenke mit Tugend und diszipliniere mit Riten und es wird Scham empfinden und mehr Pflichtbewusstsein haben” (Lun Yu 2,3).

Aber das passt dann auch irgendwie auf die deutsche Kultur …

Noch sind nicht alle Werbebanner für die Olympischen Spiele aus dem Straßenbild verschwunden, bzw. durch die Paralympics-Embleme ausgetauscht, da ist auch schon wieder das alte China da, wie ich es vor den letzten zwei Wochen kennengelernt habe.

Es wird wieder hemmungslos gerotzt, die Schlafanzugträger sind wieder in den Straßen unterwegs und nicht zu vergessen die berühmten Uhrenverkäufer (“Want a Mao watch?! No?! Mao book?!”). Die U-Bahnen sind endlich wieder richtig voll und die Klimanalage darin etliche Grad kälter eingestellt. Kurzum: Die Chinesen geben sich wieder, wie sie wirklich sind: laut, manchmal etwas eklig und dann plötzlich extrem liebenswert.

Schade, dass die Regierung während der Spiele lieber eine Soap-Opera-Version von China verkauft hat, aber die wenigen Touristen, die noch da sind, sehen China jetzt dann richtig.

Das Ende ist nah! Noch ein paar Stunden und die Olympischen Spiele 2008 sind Geschichte. Zeit für ein vorläufiges Fazit meinerseits.

Es waren große Spiele, mehr Sportarten, mehr Athleten, mehr Journalisten, mehr Sportstätten, mehr Volunteers – kurz mehr Aufwand als jemals zuvor wurde betrieben, um perfekte Spiele zu gewährleisten und China ein neues Bild in der Welt zu geben. Ersteres ist gelungen, Letzteres wird wohl dank der übertriebenen Propaganda wohl nicht wirklich funktionieren.

So richtig wichtig ist bei den Spielen, nach Bekunden des IOC ja sowieso nur der Sport und der wurde ja nun zu Genüge gezeigt. Sportlich war’s tatsächlich ziemlich überzeugend und spannend, außer dem Abschneiden der deutschen Sportler, gibt’s da nichts zu meckern.

Was mich aber so richtig enttäuscht hat, war die kaum vorhandene Stimmung in den Sportstätten und in der Stadt. Sie waren perfekt organisiert, das steht außer Frage, aber gute Stimmung kann man halt nicht planen. Ich hatte mir das alles ein bisschen bunter, multikultureller und ausgelassener vorgestellt. Aber bei vielen Millionen Chinesen fallen ein paar Hunderttausend ausländische Fans nicht sonderlich auf.

Allgemein neigen die Chinesen scheinbar nicht zum großen Jubeln und Feiern. Richtig laut wurden sie bei diesen Spielen eigentlich nur beim Anfeuern ihrer eigenen Athleten und beim Verkünden von chinesischen Goldmedaillengewinnern.

Es war dann manchmal doch schon etwas anstrengend, wenn hinter dir im Stadion plötzlich irgendeine schrille Stimme aufgeregt JiaYou! schreit, bloß weil ein chinesischer Diskuswerfer sich gerade warm machte, aber beim Weltrekordsprung nur ein verhaltener Applaus und einen raunen durch das Stadion hallte.

Der Jubel der Chinesen war meist eh nur sehr kurz, viel Luft dafür scheinen sie nicht zu haben. Sie sind wahrscheinlich mehr die Fahnenschwinger, die bei politischen Reden bei besonders tollen Sätzen kurz mal jubeln dürfen – da braucht man ja schließlich keine ausgelassen feiernden Menschen.

Ich glaube allerdings, dass die Chinesen diese Spiele so was von Ernst nahmen, dass sie für richtige Ausgelassenheit irgendwie keinen Sinn mehr hatten. Ich weiß allerdings auch nicht, wie das sonst bei Olympischen Spielen ist, das waren schließlich meine Ersten. Vorher habe ich nur die Fußball-WM 2006 in Deutschland als sportliches Großereignis miterlebt, aber da herrschte eine ganz andere Stimmung. Man hatte wirklich das Gefühl, dass man eine große Welt-Party feierte.

Hier in Peking sind die Live Sites für Public Viewing fast immer verwaist, kaum einer würde auf die Idee kommen, da irgendwie Partystimmung zu verbreiten. Meist wird nur stumm auf die Leinwände gestarrt und ab und zu mal applaudiert. So richtige Stimmungskanonen sind Chinesen also nicht, das liegt vielleicht auch an ihrer Kultur.

Als vorläufiges Fazit kann ich wohl heute mal zusammenfassend schreiben: Ja, sportlich und organisatorisch waren das wirklich tolle Spiele, kaum besser zu machen, aber atmosphärisch ist wohl viel, viel mehr drin.

Vielleicht geht ja heute bei der Abschlussfeier noch was, wir werden sehen…

Ich wusste es doch immer: Die Chinesen sind kleine Anarchisten! Zu sehen an der U-Bahnhaltestelle Beitucheng, hier ist der größte Schwarzmarkt für Olympia-Tickets entstanden. Überall stehen die Ticket-Dealer und gucken jeden Ausländer verstohlen, aber wissend an.

Tickets verschachern ist eigentlich streng verboten hier, was allerdings vom ersten Tage an keinen interessierte. Um der Sache wieder Herr zu werden, taten die Behörden dass, was sie in solchen Situationen gerne tun: Sie stellten Schilder auf.

Schwarzhandel mit Olympiatickets ist verboten und werde nach dem geltenden Recht geahndet steht da frei übersetzt auf Englisch und Chinesisch drauf. Der Effekt war, wie sollte es anders sein, bescheiden. Die Schwarzhändler stehen wie eh und je am Eingang der U-Bahnstation und verschachern Tickets.

Also entweder gibt es kein geltendes Recht, nach dem Schwarzhandel bestraft wird oder die Polizei hat trotz massiven Aufgebots an diesem Platz einfach aufgegeben. Das wäre dann allerdings irgendwie erstaunlich für China.

So oder so stehen die gelben Kühe, so heißen Kartenschwarzhändler wörtlich im Chinesischen, an der Haltestelle Beitucheng und verticken für Wucherpreise ihre Karten an schimpfende Touristen und drehen der Polizei eine lange Nase.

Ich sag’s ja, alles Anarchisten hier …

Stellt schon mal das Bier kalt und blast die Luftballons auf, ich bin in einer Woche wieder in Augsburg und erwarte mit Transparenten begrüßt zu werden.

Noch liegt aber ein bisschen Arbeit vor mir, zwei Tage Olympische Spiele und die hoffentlich auch schöne Abschlussfeier erleben und danach 5 Tage entspannt beobachten, was noch so passiert.

Also keine Zeit zu verlieren.

Heute hat mich das Volunteer-Heer an den Eingängen des Olympischen Grüns aber wirklich genervt. Wie schon drei Mal zuvor war ich heute wieder auf dem Weg ins DHQ, um Interviews zu filmen und wie schon drei Mal zuvor brachte ich natürlich mein Kamerastativ mit. Bisher gab es da keine Probleme, nur heute wollten sie mich nicht mit meinem Stativ auf das Grün lassen!

Ich war schon etwas genervt, weil ich höllische Kopf-, Magen- uns Sonstnochwasschmerzen hatte und eigentlich nur schnell die Interviews machen wollte und dann zurück in mein hartes Bettchen zu hüpfen. Ich weiß ja, dass die Volunteers auch nur das machen, was sie gesagt bekommen, aber dass dann natürlich keine Sau Englisch spricht, wenn ich versuche zu erklären, was ich denn mit dem Stativ vor hätte, ist ja selbstverständlich. 70.000 Volunteers auf dem Grün und plötzlich versteht mich keiner mehr.

Nachdem inzwischen sechs Volunteers rumstehen, die zum 10. Mal sagen, dass ich das Stativ nicht mitnehmen dürfte und ich zum 20. Mal sage, dass ich das aber die letzte Woche doch ständig dabei hatte, beschließe ich einfach zu einem anderen Eingang zu gehen, bevor die noch mehr Volunteers heranwinken können.

Also marschiere ich zum nächsten, einem Mitarbeiter-Eingang, da sind sie normalerweise etwas Verständnisvoller. Natürlich klappt es auch hier nicht, scheinbar gab es über Nacht mal wieder eine neue Sicherheitsrichtlinie.

Wieder kam ich dem Heranwinken von noch mehr Volunteers zuvor und erklärte ich würde mein Stativ einfach nachher wieder abholen. Nachdem ich das dann drei Volunteers erzählt hatte und ich den Eindruck gewann, dass zumindest einer es verstanden hatte, ging’s zum DHQ, um dort die Interviews aufzuzeichnen.

Auf meinem Weg zurück, wollte ich mein Stativ natürlich wieder haben, aber logischerweise war nach der kurzen Stunde im DHQ kein Volunteer mehr da, der wusste, dass mein Stativ da irgendwo rumliegen musste. Ich brauchte wieder fünf Volunteers, bis einer die Idee hatte, einfach mal in den Aufbewahrungsschrank zu gucken und mir mein Stativ zu geben.

Es sind ja alles nette Jungen und Mädchen, diese Volunteers, aber mal ehrlich, Qualität statt Quantität wäre manchmal echt besser, aber das ist in China noch nicht überall angekommen …

Chinesen sind ein sehr geduldiges Völkchen. 100 Jahre haben sie schließlich auf die Olympischen Spiele gewartet und auch sonst scheinen sie sehr viel Zeit zu haben. Gerade jetzt währen der Spiele kann man das sehr gut beobachten. Bestes Beispiel sind die überall herumstehenden Nachbarschaftskommitee-Mitglieder.

Diese Aufpasser sorgen dafür, dass sich die Einheimischen gut bennehmen, nichts auf die Straße werfen und sich im Bus auch zivilisiert verhalten. Zu erkennen sind sie an roten Arbinden und sie sind eigentlich kaum zu übersehen. In so gut wie jeder Straße stehen, sitzen oder liegen ältere Damen und Herren und machen eigentlich nichts besonderes – sie sind halt da und passen auf.

Die ganz Hartgesottenen unter ihnen stehen dann den ganzen Tag unter Brücken. Meist zu zweit und meist mit alten Fahrrädern neben sich und passen auf, dass keiner sein Auto dort parkt. Sie sind damit irgendwie die erste Linie des Antiterrorschutzes, denn Verdächtiges sollen sie sofort der Polizei melden.

Und so stehen sie dann, den lieben langen Tag an Straßen, unter Brücken, in U-Bahnen, an einfach allen möglichen öffentlichen Plätzen und warten. Das können die Chinesen einfach unglaublich gut, sie sind wahre Warteweltmeister

Das wirklich Extremste, was ich bisher im Lichte dieser Erkenntnis gesehen habe, ist eine Tankstelle in direkter Nähe des Olympiageländes. Die wurde vor den Spielen noch schnell renoviert und strahlt jetzt im neuem Glanze. Aber da sie ein potentielles Sicherheitsrisiko für die Spiele darstellt, ist sie derzeit geschlossen. Die Zapfsäulen sind verblombt und vor dem Eingang des Kassenbereichs hängt ein dickes Vorhängeschloss.

Das alles ist ja noch zu verstehen, warum jetzt aber das gesamte Personal der Tankstelle trotzdem jeden einzelnen Tag der Woche zur Arbeit erscheint kann mir allerdings keiner erklären. In ihren schicken Uniformen stehen sie nun jeden Tag von früh bis spät an der verrammelten Tankstelle – eine Kassiererin sitzt auch hinter der Kasse – und sie tun das, was Chinesen einfach können: sie warten.

Vielleicht sollten wir uns das mal zu Herzen nehmen. Hier in China ist der Rauchverbot und Gesundheit scheinbar eine patriotische Pflicht, wenn man nach dem Namen des Patriotic Health Campaign Committee geht.

Rauchfrei aus Vaterlandsliebe, vielleicht ein Modell für Bayern?

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