Am Ende kommen die Touristen(BRD 2007)
Regie:
Robert Thalheim
Drehbuch:
Robert Thalheim
Darsteller: Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka
Länge: 85 Minuten
Voting
+++--
3.7 Sterne bei 3 Stimmen

Ab 16. August im Kino.

Ausgerechnet Oświęcim! In diesem polnischen Kaff soll Sven (Alexander Fehling) die nächsten 12 Monate seines Lebens verbringen – als Zivildienstleistender. Das wäre an sich völlig unspektakulär, wären in der Nähe des kleinen Kaffs nicht über eine Millionen Menschen ermordet worden. Zur Zeit deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg wurde die polnische Stadt Auschwitz genannt.

Das KZ ist für Sven unausweichlich, nicht nur, da er in der Begegnungsstätte für Jugendliche arbeitet. Er muss sich auch um den alten KZ-Überlebenden Stanislaw Krzeminski (Ryszard Ronczewski) kümmern, der mit einem deutschen Pfleger überhaupt nicht einverstanden ist. Trotzdem kommt es für ihn zum Kulturbruch. Als er bei der jungen Polin Anja (Barbara Wysocka)zur Untermiete einzieht, lernt er, dass es in Oświęcim auch ein Leben nach Auschwitz gibt. Dass dieses Mahnmal der Geschichte auch einen Platz im Hier und Heute hat. Eine zarte Liebe beginnt zwischen Sven und Anja zu knospen, als sie die Realität wieder einholt. Sven muss sich entscheiden, wie sein Leben weiterverlaufen soll.

Regisseur Robert Thalheim macht es sich nicht leicht. Er platziert seine Protagonisten an einen kollektiven Ort der Trauer, um eine Liebesgeschichte zu erzählen, stellt seinem deutschem Hauptcharakter Sven einen ehemaligen polnischen KZ-Arbeiter gegenüber und lässt ihn dort erst mal langweilige Zivi-Arbeit verrichten.

Das der Film nicht völlig konstruiert ins Kitschige oder Melodramatische abrutscht liegt einerseits an der wunderbar klischeefreien Herangehensweise von Thalheim, andererseits an den unverbraucht und unverkrampft aufspielenden Schauspielern.
Mit den Händen in den Taschen und einem gelangweilten Gesichtsausdruck spielt Alexander Fehling den Zivildienstleistenden Sven mit stoischer Gelassenheit. Und auch die aufstrebende Anja, als Gegensatz zu Sven wird wunderbar frisch von Barbara Wysocka gespielt. Ryszard Ronczewski verleiht den KZ-Häftling Krzeminski genau das, was die anderen Rollen auszeichnet: Authentizität. Die drei Hauptdarsteller bestechen allesamt durch vielschichtiges Spiel.

Dass es Thalheim gelingt, einen glaubhaften Film zu erzählen, liegt auch daran, dass es zu allererst nicht um die deutsch-polnischen Eigenarten geht. Die Spannungen zwischen Sven und Krzeminski liegen eher im Konflikt zwischen dem Alter und der Unbedarftheit der Jugend. Und auch die Spannungen in Liebesgeschichte zwischen Anja und Sven sind eher durch Anjas Ehrgeiz und Svens Mangel desselben begründet.

Trotzdem geht es natürlich auch um Deutsche und Polen. Der seltsame Trauertourismus der Deutschen nach Auschwitz, der Wunsch nach Vergebung auf der deutschen Seite. Der Wunsch nach Normalität und Anerkennung auf Seiten der Polen.
Erzählt wird das alles in sehr ruhigen, fast fotografischen Aufnahmen. Es ist erstaunlich, wie malerisch eine Radfahrt am Rande des ehemaligen Vernichtungslagers aussehen kann. Trostlosigkeit und Schönheit werden stimmig eingefangen.

Fazit: Das komplizierte Gemisch aus Liebe, Drama, Gesellschaftskritik funktioniert tatsächlich hervorragend – dank toller Kamera, besonnener Regie und starken Schauspielern. Ein wirklich lohnender Film, für alle, denen es derzeit zu viel knallt im Kino.

5 von 5 Popcorntüten: Einfach ein toller Film.
Genial
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