Das Tolle, wenn man in eine neue Stadt zieht, ist ja, dass man die Chance hat, ein völlig neuer Mensch zu werden. Die Vergangenheit bleibt fürs Erste in der alten Heimat, in der neuen Heimat ist man ein völlig unbeschriebenes Blatt.
Die Türen stehen einem in alle Richtungen offen und nicht wenige nutzen diese Gelegenheit, ihr Image zu verbessern. Schulstreber werden dann plötzlich zu Lausbuben, der die Lehrer in den Wahnsinn getrieben hat oder ein Einzelgänger zum Mädchenschwarm. Die meisten werden aber kaum so offensichtlich Lügen, um ihr Ansehen bei den neuen Freunden zu verbessern, eher werden sie die passive Technik anwenden. Bestimmte Dinge werden einfach nicht erwähnt, werden bewusst weggelassen und tragen im Grunde genauso dazu bei, ein anderes Fremdbild für sich zu entwerfen.
Probleme treten dabei so lange nicht auf, so lang
- Die Eltern nicht mal bei einem Besuch auf die Freunde treffen („Och der Basti! Der war ja sooo brav früher, der hat immmmer die Wäsche aufgehängt!“) oder
- Alte Freunde auf die neuen Freunde treffen („Boaaa haben wir damals immer gesoffen!“).
Wobei Ersteres eigentlich kaum für Probleme sorgt, weil man die Eltern immer recht gut verstecken kann, passiert es bei alten Freunden eher, dass sie auf den neuen Freundeskreis treffen. Das sorgsam aufgebaute Image kann nun bei etwas weniger sensiblen Freunden, die keinen Sinn für diese prekäre Situation entwickelt haben, sehr schnell in Trümmern liegen.
So etwas geht einem durch den Kopf, wenn man gerade von dem besten Kumpel aus Kindertagen besucht wurde. Über drei Jahre hab ich ihn nicht mehr gesehen und was soll ich groß sagen, entweder ist er ein sehr feinfühliger Mensch, mit Sinn für die Situation oder bin mir die letzten Jahre treu geblieben. Jedenfalls gab es keine Geschichten, die mir irgendwie peinlich gewesen wären oder die ich nicht genauso selbst erzählt hätte.
Trotzdem gibt es natürlich manche Dinge, die ich lieber nicht erwähnen sollte, aber deswegen auf alte Freunde zu verzichten, wäre doch irgendwie ziemlich blöde oder?
War jedenfalls schön das du da warst, Matze