24.
Oktober
2007
Ich hatte es ja schon geahnt, dass wir bei unserer Sightseeing-Tour sicherlich auch etwas kaufen sollten. Schließlich sitzen wir Touristen ja angeblich auf dem Geld. Dass aber von 5 Zielen an dem Tag nur 2 wirklich kulturellem Wert hatten war nicht zu erwarten gewesen.
Eigentlich suchten wir nur eine einfache Art zur Chinesischen Mauer zu kommen. In unserem Hotel wurde das auch gleich angeboten. Da wir wenig Zeit hatten buchten wir den Trip für 190 Yuen pro Kopf, was teuer war, aber auf die schnelle die beste Lösung. Vor allem nachdem uns auf dem Weg vom Bahnhof zum Hotel bereits Fahrten für 400 Yuen angeboten wurden. Bei unserer gewählten Tour waren wenigstens noch die Ming Grabanlage und eine „Jade-Ausstellung“ dabei.
Um 7 Uhr ging es mit anderen Gästen des Hotels und einer Reiseführerin schon los durch den Stadtverkehr von Beijing, also mitten in die Rushhour hinein. Nach einer etwas tristen, weil regnerischen Fahrt, kamen wir in Badaling an, dem Stück Mauer, dass touristisch am meisten frequentiert wird. Davon war allerdings zu dieser frühen Stunde nichts zu sehen, wir waren die ersten.
Es gab nun zwei Möglichkeiten, den leichten oder den schweren Weg. Da Luke Skywalker auch immer den schweren Weg gewählt hatte, war klar, dass wir als echte/r Mann/Frau den Hardcore-Weg wählten. Schließlich, so zeigte uns die Erfahrung, übertrieben Chinesen gerne. Eine Pizza für 2-3 Personen bei Pizza Hut ist z.B. grundsätzlich für eine Person zu wenig.
Leider war die Einschätzung unserer Reiseführerin diesmal richtig. Schon nach ein paar Metern wurde es anstrengend, nach ein paar hundert Metern hätte ich kotzen können. Man bin ich unsportlich! Dennoch war das Stück zum ersten Wachturm nur ein Vorgeschmack was noch folgen würde. Die Stufen wechselten ständig von extrem Flach bis 40cm hoch – kaum normal zu begehen.
Meine Freundin gab irgendwann auf und bewegte sich keinen Schritt weiter, ich ließ ihr Wasser und einen Schokoriegel da und machte mich weiter. Ich wollte es bis zum Gipfel schaffen. Das Ziel fest vor Augen stapfte ich los, machte jedoch erst alle 40m, dann all 20m, dann alle 10m eine Pause. Selbst jetzt beim Schreiben bekomme ich noch Seitenstechen wenn ich daran denke. Ich erreichte die Plattform, die ich für die auf der Bergkuppe gehalten hatte und war völlig am Boden zerstört, als ich dahinter noch einmal ein steiler Aufstieg befand.
Da wir nur läppische 2 Stunden für die Mauerbesichtigung bekommen hatten, war ich gezwungen mein gesetztes Ziel aufzugeben und etwas geknickt wieder hinabzusteigen. Ich sammelte noch meine Freundin ein und dann plumste ich mit schweren Beinen in den Bus.
Das zweite kulturelle Ziel waren die Ming Tombs, die Grabanlagen der Mingkaiser. Hatten wir für die Mauer noch 2 Stunden gehabt, wurde die wirklich ansehnliche Grabanlage sehr schnell abgehakt. Wir flitzten durch, schossen ein paar Fotos und waren auch schon wieder weg, alles in einer knappen halben Stunde. Enttäuschend war für mich allerdings nur, dass man nicht in die unterirdische Grabstadt des Kaisers hinunter durfte. Das war’s mit Kultur, den Rest des Tages verbrachten wir, außer dem Essen, in irgendwelchen obskuren Verkaufsräumen – natürlich alles kostenlos.
Der erste Versuch von uns Geld abzupressen schlug allerdings Fehl, die Jadegallerie war dann doch nicht unserer Preisklasse. Innerhalb von 10 Minuten wurde uns gezeigt was Jade ist, wie daraus Skulpturen entstehen und woran man gute Jade erkennt (Klang, Farbe und Lichttest). Dann sollten wir uns in den Verkaufsräumen umsehen, was wir auch alle brav taten. Nur kaufen tat eben keiner was. Wie auch, wenn die billigsten Steinchen bereits 20 Euro kosteten. Faszinierend war es trotzdem, diese wirklich grandiosen Arbeiten, die teilweise meterhoch waren zu betrachten.
Der zweite Versuch fand in einem Teehaus statt, bei dem wir ein Testtrinken absolvieren durften. Anschließend wurde uns der Tee exklusiv angeboten. Zwar schmeckte das Zeug teilweise wirklich gut, aber 14-20 Euro für Tee? Nein Danke! Trotzdem kauften einige von uns den Tee. 80 Euro wechselten hier den Besitzer.
Den letzten Versuch verpackten sie wirklich meisterhaft. Eine Fußmassage sollte unsere müden Füße entspannen – praktisch dass gleich neben dem „größte Teehaus Pekings“ (einer kleinen Kaschemme) ein Zentrum für Massagen war. Hier wurden wir in wahnsinnig nervig betontem Englisch von einer jungen Dame aufgeklärt, was so eine Fußmassage bewirken soll und wie die tolle Kräutermischung im Bottich mit brühendheißen Wasser, in dem unserer Füße plötzlich steckten, hier helfen kann. Lief es etwa nur auf den Verkauf diese Kräuterbrühe hinaus? Ein bisschen wenig für so viel Aufwand.
Zum Schluss ihres Monologes über Fußmassagen schwang die Dame vor uns aber auf das eigentliche Ziel dieser Veranstaltung um: tibetische Medizin. Tibetische Ärzte lesen Krankheiten an den Händen ab und reiiiin zufällig arbeitet natürlich hier einer DER kompetentesten tibetischen Ärzte Chinas hier in diesem kleinen Betrieb in irgendeiner Seitengasse Beijings. Sie wolle ihn Fragen, so unsere Betreuerin, ob er denn nachher mal Zeit hätte für uns.
Schwupps sprang die Tür auf und die Masseure kamen herein und begannen zu walken, kneten, hämmern und drücken – was wirklich sehr angenehm war. Und natürlich kam just in dem Moment, in dem wir uns definitiv nicht mehr wegbewegen konnten der große tibetische Arzt hinein. Der hatte zwar so schlechte Zähne wie manch ein Tibeter, sah aber eher nach einem Han-Chinesen aus.
Schon ging das palavern los, wobei ähnlich vorgegangen wurde wie beim normalen Handlesen, bei dem der Handleser einfach ein guter Menschenkenner sein muss. Als dann plötzlich noch andere berühmte tibetische Ärzte auftauchten hätte es eigentlich auch der dümmsten Langnase klar sein müssen, was das hier für ein riesiger Quatsch war. Aber die Leute aus unserer Reisegruppe waren anscheinend noch dümmer. Vier Leuten wurden irgendwelche Rezepte angedreht, die locker 120 Euro überstiegen, schließlich dauern Therapien auch ihre Zeit.
Dass am Ende eigentlich alle dieselben „Medikamente“ in ihrer Tüte hatten, interessierte anscheinend niemand. Aber was soll’s, ich genoss meine kostenlose Fußmassage und war froh, dass meine Fußschmerzen weg waren. Uns versuchte auch kein „Artzt“ zu befragen, wir waren denen anscheinend einfach noch zu jung.
Was für ein Tag, wir hatten unser Mindestziel erfüllt und die Mauer gesehen. Der Rest lief zwar unter fernerliefen, allerdings waren Jade-Austellung, Teeprobe und Fußmassage alles andere als nervig und langweilig. Schließlich gab’s einiges umsonst und ich als alter Schnorrer und Sparfuchs hab das natürlich mitgenommen. Außerdem konnten wir so einen kurzen Blick auf die riesige Olympiabaustelle erhaschen, was bisher wirklich einen wahnsinnig imposanten Eindruck hinterlässt.
Am Ende bleibt das Fazit, dass 190 Yuen wohl immer noch etwas zu viel waren, aber immerhin billiger als das, was man sonst so angeboten bekommt und, dass man grundsätzlich NICHT den schweren Weg auf der Großen Mauer wählen sollte, außer man ist Leistungssportler oder Chinese, die sind jedenfalls alle hoch gesprintet. Das wichtigste ist aber: Es gibt tatsächlich Westler die absolut keine Ahnung haben, dass man einfach nichts bei solchen Veranstaltungen kauft. Dummheit ist allerdings nur für Außenstehende unerträglich, die Knödel, die fleißig kauften, grinsten jedenfalls dümmlich vor sich hin.

25. Oktober 2007 um 08:50
Ich sitze hier ganz neidisch vorm Computer und wünsche Euch noch einen tollen Restaufenthalt. Liebe Grüße auch an den “Rest”.
26. Oktober 2007 um 06:38
Danke schön Marion, immer wieder schön, wenn man positive Resonanz bekommt. Wir werden die letzten Tag schon noch nutzen, um noch ein wenig China zu erleben. Der “Rest” grüßt übrigens auch zurück