19.
September
2006
(Deutschland 2006)
Regie:
Tom Tykwer
Buch:
Tom Tykwer, Bernd Eichinger, Alan Birkin
Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood
Länge: 147 Minuten





„Im 18. Jahrhundert lebte in Frankreich ein Mann, der zu den genialsten und abscheulichsten Gestalten dieser an genialen und abscheulichen Gestalten nicht armen Epoche gehörte. Seine Geschichte soll hier erzählt werden. Er hieß Jean-Baptiste Grenouille… .“
So beginnt der größte deutschsprachige Bestseller der Nachkriegszeit: “Das Parfum” von Patrik Süßkind. So beginnt auch die Verfilmung des großartigen Romans unter der Regie von Tom Tykwer und den wachsamen Augen des Produzenten Bernd Eichingers.
Die beiden Deutschen und Drehbuchautor Andrew Birkin arbeiteten lange am Script, um die großartige Story leinwandgerecht umzusetzen. Also warfen sie das Buch in den Alambic köchelten es eine Zeit lang und heraus kam die Essenz des Romans: Nebenhandlungen wurden gestrichen, der roten Faden des Romans ist aber erkennbar.
Der erzählt die Geschichte von Grenouille (Ben Whishaw) einem Waisenkind mit der der genialen Begabung alle möglichen Gerüche bis ins kleinste zu Unterscheiden und in seinem Gedächtnis zu speichern. Doch das Genie hat ein Problem: das Mirabellen-Mädchen. Er hat sie ausversehen ermordet und nun ist er verzweifelt, aber nicht über den Mord, den hat er nicht einmal wirklich bemerkt und empfindet kein Bedauern deswegen. Die Leiche des Mädchens verliert aber ihren berauschenden Geruch, den schönsten Duft, den Grenouille je gerochen hat und er hat keine Möglichkeit es aufzuhalten.
In seiner Verzweiflung wendet er sich an Giuseppe Baldini (Dustin Hoffman). Der alt gewordenen Parfümeur soll ihm lehren, wie Düfte konserviert werden können. Viel kann er Grenouille nicht beibringen, doch etwas hallt nach: „Jedes Parfum trägt drei Akkorde in sich, das heißt, es besteht insgesamt aus zwölf Noten… Aber ein wirklich einmaliges Parfum kann man komponieren, indem man noch eine besondere Note hinzufügt.“
An diese Worte seines Maîtres Baldini erinnert sich Jean-Baptiste, als er entsetzt feststellt, keinen Eigengeruch zu besitzen. Er beschließt das beste Parfum aller Zeiten zu komponieren, mit ihm will er von allen Menschen geliebt werden. Dass Einzige was er dazu benötigt, ist der Geruch von 12 Mädchen. Sie alle ermordet er, schert ihnen die Kopfhaare und konserviert ihre Gerüche. Nur ein besonderer, einzigartiger Duft fehlt ihm noch, der von Laura (Rachel Hurd-Wood), der wunderschönen Tochter des Geschäftsmanns Antoine Richis (Alan Rickman). Dieser setzt alles daran, seine Tochter zu schützen. Doch Grenouille hat längst Witterung aufgenommen und ohne Gnade und Gewissen folgt er ihrer Fährte.
Es ist alles da, was Patrick Süßkind vor über 20 Jahren in seinem Bestseller entworfen hat: das stinkende Paris, der italienische Maître Baldini, Grasse, das Rom der Düfte und die Morde. Doch irgendwie ist alles anders.
Das beginnt schon mit der Darstellung des „Scheusals“ Grenouille. Er wirkt fast zu gut für den im Buch entworfenen Charakter. Dort ist er kalt, berechnend, wie „ein Zeck auf dem Baum“. Ein kleiner Gnom, hässlich und abstoßend. Im Film ist so etwas kaum zu verkaufen, also sieht Grenouille relativ gut aus, fast schon verschüchtert und harmlos. Es gelingt nur ganz selten, dass Jean-Baptist einen wirklich abstößt. Zu beginn des Films wirkt er beispielsweise wie Gollum aus dem Herrn der Ringe, als er gebückt an Ketten vor den grölenden Pöbel gezerrt wird. Richtig brillant wurde seine abstoßende Obsession aber nur in einer Szene auf die Leinwand gebannt: Als er das Mirabellen-Mädchen mit seiner Nase förmlich vergewaltigt. In Extase versucht er ihren Duft aufzusaugen und begreift, dass er diesen Geruch für immer zerstört hat. Hier zeigt Tykwer sein ganzes Können in subtiler Bildsprache.
Leider gelingt ihn solch Geniales selten im Film. Es geht um Gerüche und die kann selbst der beste Regisseur und Kameramann nicht auf die Leinwand und in die Kinosäle bringen. Er versucht es immer wieder, indem er seine berauschenden Bilder von Fischen, Fliege, Pferden, Menschen, Haaren, nackter, verschwitzter Haut, Wiesen, Felder und Blumen mit begleitenden Geräuschen von schmatzenden Menschen, krabbelnden Maden, dem Rauschen des Windes und natürlich der orchestralen Bombastmusik. Und immer wieder fährt er ganz dicht an Grenouilles Nase heran und lässt ihn schnuppern, der Funke jedoch springt nicht über. Im Gegenteil, nachdem zum fünften Mal auf Grenouilles Nase gezoomt wurde und die ganze Bildgewalt des Kinos mit Orchestermusik vor einem abläuft stellt sich eine gewisse Langeweile ein.
Hier stößt der Film an seine Grenzen: Visuell so gefordert ist es dem Zuschauer nicht möglich, überhaupt an Gerüche zu denken. Was dem Buch ohne Zweifel gelingt, dem Leser nämlich in seiner unglaublich bildhaften und im wahrsten Sinne des Wortes blumigen Sprache eine Geruchswelt zu eröffnen kann dem Film somit niemals gelingen.
Daran ändert auch die brillante Besetzung nicht. Zwar wirkt Dustin Hoffman immer ein wenig betrübt, dass er nicht selbst Grenouille spielen durfte (was wäre das für eine Besetzung gewesen!), aber letztlich überzeugt er in der Rolle des ausgelaugten alten Parfümeurs. Routiniert spielt auch der Rest des Ensembles: Alan Rickman als sorgender Vater, Rachel Hurd-Wood als Objekt der Begierde und nicht zu vergessen die deutschen Schauspielerinnen in ihren Minirollen. Bei aller Kritik spielt auch der Hauptdarsteller Ben Whishaw den Jean-Baptist Grenouille ordentlich, mit Minimalmimik schafft er es ein ums andere Mal, das Scheusal in seinen Augen glitzern zu lassen.
Einzig und allein die Off-Erzählstimme von Otto Sander ist ärgerlich. Viel zu häufig wird darauf zurückgegriffen und die Geschichte weitererzählt ohne das Dialoge stattfinden. Eine Methode, die nicht wirklich originell und sehr ermüdend wirkt.
Fazit: Jedes Parfum trägt drei Akkorde in sich, die Kopf-, Herz- und Basisnote. Wäre der Film nun ein Parfum, wäre die Kopfnote allein schon durch die Zugkraft des Romans so genial, um wahre Massen zum Kauf zu animieren. Dies würde sich aber schnell verziehen und die Herznote käme zum Vorschein: Ein wunderbarer bildgewaltiger Film, mit Bombast-Sound und brillanten Darstellern. Doch auch dies verschwände bereits nach wenigen Stunden. Was bliebe wäre die Basisnote und hier gibt es die größten Defizite. Zwar ist der Film ein Rausch der Sinne, aber letztlich fehlt, was „Das Parfum“ ausmacht: Der Geruchsinn. Das liegt aber in der Natur des Films als audio-visuelle Medium. Ein Buch wie “Das Parfum”, ist einfach unverfilmbar – das hat u.a. Stanley Kubrick gesagt und dem Mann glaub ich einfach alles.
Auf ganz, ganz, ganz hohem Niveau gescheitert.


19. September 2006 um 17:25
Sehr schön, danke! Grad der letzte Abschnitt
Was soll ich jetzt machen? Den Film auf DVD angucken, mein ursprünglicher Entschluß? Oder um der bombastischen Bilder doch ins Kino gehen? Hmm…
19. September 2006 um 18:24
Der Bilder und der Orchestermusik wegen muss natürlich ins Kino, da riecht man aber höchstens sein Popkorn und den schwitzenden Sitznachbarn.
Zu Hause könnte man sich dann entspannt aufs Sofa legen und ein paar Geruchsstimulantien bereitlegen. Ich empfehle da einen etwas älteren Fisch und Pferdeexkremente für Paris, ein Haufen Parfum für Baldinis Laden und einen Blumenstrauß mit Feldblumen für Grasse. Alles auf den Tisch stellen und bei Bedarf daran Schnuppern
Der Film ist für die große Leinwand, ich bin mir nicht sicher, was am Ende auf DVD davon übrigbleiben wird.
20. September 2006 um 16:29
Frau Gröner sieht diesen Film übrigens SEHR kritisch unter http://www.ankegroener.de/
20. September 2006 um 23:55
Fast hätte ich es vergessen, ich werde mich noch überraschen vom Film lassen nachdem ich bisher so unterschiedliche Meinungen gehört/gesehen/gelesen habe.
Ein Besuch des Tykwer-Films steht für kommende Woche auf jeden Fall auf meiner Liste!
21. September 2006 um 09:07
Sehen ist ja schon fast pflicht, sonst kann man ja nicht mitreden und bei so einer unterschiedlichen Kritik, muss man sich einfach sein eigenes Bild machen.
6. März 2008 um 22:51
Hey,
der Film ist auf jedenfall ein Meisterwerk.
.
Ich hab das Buch auch gelesen und sogar eine Klausur darüber geschrieben
Deshalb musste ich beides schauen um Vergleiche zu analysieren.
Aber ich bin froh so einen guten Film gesehen zu haben.