5 Tage Tibet liegen hinter uns, 5 Tage voller unglaublicher Eindrücke, Farben, Gerüche, Geschmäcke und einer Landschaft die vielfältiger nicht sein kann. Der 2. Tag in Lhasa neigt sich dem Ende entgegen, Jokhang und der Potala sind abgehakt. Es folgt der letzte Teil des 2. Tages.

Tag 2: Barkhor

Nach dem anstrengenden, aber ungemein befriedigenden auf und ab im Potala suchten wir natürlich etwas Entspannung, das findet man in Lhasa rund um den Jokhang. Genauer gesagt in der Barkhor-Straße, die quadratisch um den Tempel herum führt. Sie ist Teil der Altstadt von Lhasa und seit je her eine der drei Pilgerwege in Lhasa. Der erste führt um die alte Stadt herum und ist etwa 13km lang, entspricht also nur einem Bruchteil des heutigen Lhasa und wird Lingkhor genannt. Der Zweite ist der Barkhor, die Straße um den Jokhang-Tempel. Der dritte und letzte Kreis ist im inneren des Jokhang und wird Nangkhor genannt.

Allen gemein, ist die Masse an Pilgern, die sich ständig auf den Routen befindet, so auch in der Barkhor-Straße. Hinzu kommt allerdings, dass sich nicht nur Pilger, sondern auch Massen von Touristen und Händlern auf der Straße tummeln und für einen gewaltigen Menschenstrom sorgen, der sich immer im Uhrzeigersinn fortbewegt. Gegen den Strom zu gehen ist keine gute Idee. Dennoch wird dieser Fehler sicherlich am Anfang von jedem Besucher völlig unbewusst begangen. Wir z.B. wunderten uns erst nach der ersten Kurve, dass es irgendwie ziemlich schwer war voranzukommen.

Wir mussten aber vorankommen, waren wir doch auf der Mission Reisegeschenke für unsere Freunde und Verwandten zu besorgen. Wir pflügten also durch die Massen und gaben irgendwann genervt auf. An der vom Jokhang aus gesehen hinteren rechten Ecke fanden wir in einem etwas windschiefen Gebäude eine wunderschöne Kneipe, die direkt aus einem Abenteuerroman entsprungen zu sein schien. Dunkle Holztäfelung, ebenso dunkle rustikale Möbel und auf dem Dach eine gemütliche Terrasse. Überall liegen Bücher aus aller Herren Länder herum über Tibet, China, den Himalaya. In manchen Ecken sitzen zwielichtige Gestalten, aber auch Abenteurer, die sich hier in Lhasa ausruhen für ihre weiteren Touren. Kurzum, der Laden lud zum gemütlichen herumlungern ein. Wir bestellten ein paar Getränke, schrieben Postkarten und beobachteten von oben die herumziehenden Menschen.

Ein Pilger gibt sich den Tempel hin

Es war faszinierend, Pilger zogen sich immer wieder auf den Boden werfend um den Tempel und bekamen von vorbeilaufenden Tibetern Geld zugesteckt. Touristen ließen sich von den feilschenden Händlern über den Tisch ziehen und Mönche wandelten erhaben durch die Massen, manch einer sogar mit Handy am Ohr. Eine alte Frau ließ sich von einem Mönch mehrmals um den Jokhang schieben. Es war, als wäre man in einer anderen Zeit gelandet. Auch wenn die Kneipe nicht sonderlich günstig war, ist sie doch für jeden Lhasa-Besucher einen Besuch wert.

Dass auf dem Barkhor nicht wirklich immer qualitativ hochwertige Ware verkauft wird, sollte eigentlich jedem klar sein, vieles wird auch im restlichen China genauso angeboten, wie hier. Sehr witzig war allerdings, als eine Gruppe von Mönchen die überall angebotenen Trompeten ausprobieren wollten. Es erschall nicht das bekannte tiefe Brummen sondern eher etwas, was nach einem Yakfurz klang. Nachdem die Mönche alle unterschiedlichen Größen ausprobiert hatten zogen sie folgerichtig einfach von dannen. Der Verkäufer sah in diesem Moment etwas unsicher aus, was für tibetische Händler eigentlich unüblich ist. Ihr liebstes Hobby ist das Feilschen, egal ob man das als Käufer möchte oder nicht.

Wer den Film Das Leben des Brian von den Monty Pythons kennt, kennt sicherlich die Szene in der Brian unbedingt einen falschen Bart kaufen möchte, der Händler aber beleidigt ist, als der hektische Brian nicht feilschen will. Genauso ist es in Tibet auch, am deutlichsten wurde das, als ich mir eine billige Sonnenbrille gegen die wirklich grelle Höhensonne besorgen wollte.

Ein alter Mann strahlte wie ein Honigkuchenpferd, als wir bei ihm am Stand einige Sonnenbrillen näher betrachteten. Ich wusste, dass die Sonnenbrillen in China im Schnitt 7 Yuan kosteten also knapp 70 Cent, mein Höchstpreis lag bei maximal 10 Yuan. Der alte Mann schrieb seine Preisvorstellung auf einen Schuhkarton: 130 Yuan! Wie ich da unter meinen 10 Yuan-Limit bleiben sollte, stand in den Sternen. Der Alte ging nach dem Gegenangebot auf 120 Yuan herunter – wie sollte ich denn bei solch kleinen Schritten seinerseits verhindern, dass ich mehr als 10 Yuan bezahlen. 10 war also unser letztes Angebot und er grinste immer noch wie ein Honigkuchenpferd. Erst als ich die Brille weglegen wollte, gab er entnervt auf, schmiss verärgert den Schuhkarton auf den Boden und gab mir die Brille für 10 Yuan.

Andere handelten etwas zurückhaltender, aber trotzdem wurde grundsätzlich um alles gefeilscht. Selbst mit dem Taxifahrer konnte ich um den Fahrpreis feilschen, natürlich bereits VOR Fahrtantritt. Feilschen ist einfach ein Volkssport in Lhasa, aber es macht Spaß. Wir genossen noch ein schönes Abendessen in der Altstadt, schlenderten noch etwas umher und fuhren mit dem Taxi in unser Hotel, schließlich sollte es morgen früh losgehen: 400km Fahrt nach Bayi standen auf den Programm. Dank der verschwundenen Kopfschmerzen und den großen Laufpensum des Tages, war einschlafen heute wirklich kein Problem mehr.

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