Ich dachte es gibt sie noch, die letzten Bastionen der Männlichkeit, wo Männer noch Männer sind und sich ganz ihrem eigenen Machogehabe hingeben können. Nein ich rede nicht von einer Badewanne mit schön viel Schaum, ich rede vom Pokertisch.

Wem kommt denn beim Pokern nicht eine unrasierte, ungepflegte nach Whisky stinkende Gruppe von kernigen Männern in den Sinn. Im Mundwinkel hängen winzige Zigarettenstummel, auf denen nervös gekaut, aber nicht gezogen wird. In der Hand halten sie die Spielkarten und versuchen sich mit markigen Sprüchen aus der Fassung zu bringen. Es liegt eine elektrisierende Spannung in der Luft. Die wiederum ist von Rauchfäden durchzogen und trübt das Licht der kleinen Lampe, die über den Tisch baumelt.

Als ich mich heute auf den Weg machte, um einen Kumpel bei der Final-Runde eines lokalen Pokerturnier als moralische Stütze zu dienen, kam mir natürlich auch wieder dieses wunderbare Klischee in den Sinn. Um so enttäuschter war ich, als ich dann das Etablissement betrat.

Sicherlich es war eine Bar und es wurde geraucht getrunken und Poker gespielt. Allerdings standen die Tische auf der Sonnenterasse! Der Sonnenterasse!! Wie dekadent! Wie soll denn hier eine rauchige Atmosphäre entstehen?! Und wo bitte waren die kernigen Marlboro-Männer?! Ich sah nur ein paar pickelige Jungs, geschniegelte Becks-Gold-Trinker und seltsam verschüchtert wirkende andere Typen. Gut ein älterer Herr hatte zumindest Stiefel und eine Cowboy-Gürtelschnalle, aber so richtig markig sah der auch nicht aus – eher dick. Wo waren denn die Mel Gibsons, die Redfords und die McQueens geblieben?!

Also fassen wir nochmal zusammen: Es gab keine rauchige, dunkle Bar, kein Whisky und keine echten Kerle. Als sich dann noch eine Frau zum Tisch „Monte Carlo“ gesellte, um die Finalrunde mitzuspielen, wurde mir bewusst: Das Pokern hatte seine Unschuld verloren. Nichts mehr war vom Hauch des Verbotenen geblieben, das Pokern war im Mainstream gelandet. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis an den Spiele-Abenden in der Familie die Pokerchips ausgepackt werden und in lockerer Runde die Mama den Sohnemann zum All-In zwingt. Poker ist tatsächlich zu einem Hype geworden, wie Mambo No 5, wie Pokémon, wie Weblogs! Jeder Internet-Nerd kann heute online bei einem der unzähligen Anbieter pokern, mit und ohne Echtgeld – und jeder meint nach kurzer Zeit, er sei ein Poker-As.

Da sich das Finale, in dem mein Kumpel spielte um eine Stunde nach hinten verlegt worden war, hatte ich genug Zeit mich wieder zu beruhigen. Ich wollte schließlich einfach nur eine gutes Poker-Finale sehen und das sollte doch drin sein, auch ohne Mel und Robert oder?

Wer jetzt mit Nein auf meine rhetorische Frage geantwortet hat, der hat zwar recht, es sei aber gesagt, dass man auf rhetorische Fragen nicht antwortet. Jedenfalls war das Finale wirklich grottenschlecht – selbst für einen Pokerautisten wie mich. Da wurde mit Chips um sich geschmissen, obwohl man nichts auf der Hand hatte und jeder zog mit. Mein Kumpel war erst schockiert über soviel Dummheit, dann verärgert, dann paralysiert und letztlich resignierte er. In einem letzten Versuch ging er nochmal All-In, hatte aber einfach kein Glück und schied immerhin als 25. von 300 Spielern aus. Ich wäre sicherlich auf dem 342. Platz gelandet. Aber letztlich passte das alles zu diesen Tag, als mein wunderbares mühsam erarbeitetes Pokerklischee zerstört wurde. Die einzige Frau in der Runde schlug sich übrigens recht wacker und zeigte mir schon wieder, dass Poker keine Männerbastion mehr ist.

Jetzt bleibt den richtig kernigen, nach Schweiß und Whisky stinkenden Männern nur noch der Rückzug zu anderen männlichen Ritualen, wie dem Jagen von Großwild, dem Grillen oder dem duellieren auf der Main-Street bei High Noon.

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