Die Straßenumfrage gehört wohl für jeden Praktikanten eines Radiosenders zum täglich Brot. Es ist ein ständiger Kampf gegen flüchtende Passanten und maulfaule Mitbürger – immer auf der Suche nach dem perfekten O-Ton. Da unterhält man sich schon mal 5 Minuten mit einem Rentner über die „gute alte Zeit“. Schließlich könnte er einen passendes Wort fallen lassen.

Dass ebendiese Rentner extrem militant sein können, wird jedem Praktikanten sehr schnell klar. „Mit Leuten wie ihnen red ich nicht!“, ist ein Statement, welches beim ersten Mal schon ganz schön in die Glieder fährt. Kennt der Herr mich etwa? Was hab ich ihn denn getan? „Sie sind ein total beschissener Sender“, wird dann meist noch nachgeschoben und wild gestikulierend auf das Mikrofon mit dem Senderlogo gezeigt. Freundlich verabschiedend zieht man dann besser von dannen, wenn man nicht in eine Wertediskussion verwickelt werden möchte.

Wie z.B. letzte Woche zur Frage, welche Namen Berliner ihren Kindern gegeben haben. Ein fast blinder Rentner meinte dann: „Hans, Fritz und Ulrike! Deutsche Namen eben. Das war noch bevor die 68er unsere ganzen gesellschaftlichen Werte über den Haufen geworfen haben. Jetzt heißen die ja alle …“ Mikro aus – nicken – geordneter Rückzug.

Was mich aber so richtig auf die Palme bringt, sind diese ewig Gestrigen. Heute fragte ich in die Runde, woher bestimmte Berliner Bezirke ihre Namen haben. Bei vielen Leuten bekam ich bei der Frage für Pankow, Lichtenberg oder Hohenschönhausen dieselbe Antwort: „Wissen Sie, das sind ja alles die ehemaligen Ostbezirke, da kenn’ ich mich nun überhaupt nicht aus und will ich auch gar nicht.“ 17 Jahre nach der Wiedervereinigung, 17 Jahre nachdem die Berliner zusammen auf der Mauer getanzt haben, um sie danach gemeinsam niederzureißen, bekommt man so eine Scheiße zu hören. Manche palavern dann noch von Kommunisten, die ja an allem Schuld seien oder vom scheiß Osten.

Dass viele von den Befragten tatsächlich noch nie in einem der nachgefragten Bezirke gewesen zu sein scheinen, ist noch erschreckender. In was für einer winzigen Welt lebt man denn, wenn man als Berliner noch nie die eigene Stadt gesehen hat? Wenigstens einmal kann man sich doch in die Ringbahn setzten und um die Stadt fahren. Es hat den Anschein, dass für solche Leute Berlin tatsächlich noch durch eine unsichtbare Mauer getrennt ist. Der Osten scheint für manchen Westberliner tatsächlich nur eine ferner mystischer Ort zu sein – in dem nur Schlechtes passiert. Dass auch die Ost-Bezirke eine wahnsinnig interessante Geschichte und auch tolle Kieze haben, fällt den Leuten gar nicht ein. Sehr niederschmetternd solche Ignoranz.

Was einen dann doch wieder antreibt nicht das Mikro in die Tonne zu schmeißen und sich einfach auf die Wiese zu legen, sind die vielen anderen Menschen, die man bei Straßenumfragen trifft. Die erzählen dann manchmal lustige Anekdoten, interessante Geschichten oder liefern einfach den perfekten O-Ton. Alles wird gut…

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