10.
Mai
2009
Sehr interessant für Medienwissenschaftler und PR-Fachleute, was im Moment so im Internet los ist. Denn trotz anderer Verlautbarungen ist das Internet alles andere als ins Blickfeld der Politik gerückt.
Nach der Wahl Obamas zum ersten “Internet”-Präsidenten, waren sich alle Fachleute und Politiker einig: Das Internet ist ein toller Ort, Wähler zu mobilisieren. Am Internet, so der Tenor, käme in Zukunft keine Politiker mehr vorbei.
Mit großem Interesse wurden dann auch die ersten Internetgehversuche von Thorsten Schäfer-Gümbel im Hessen-Wahlkampf verfolgt und auch positiv bewertet. Plötzlich sprossen überall Partei- und Kandidaten-Twitter aus dem Boden, Facebook-Accounts wurden eingerichtet, Blogs angelegt. Neue Möglichkeiten der Partizipation wurden in Aussicht gestellt, ein echter Dialog mit den Bürgern, ungefilterte Informationen, live aus der Parteizentrale. Das Internet war in der Politik plötzlich total IN.
Einen Gesetzesentwurf und eine Petition mit fast 70.000 Unterzeichnern später ist davon nichts mehr geblieben. Eindrucksvoll beweisen Spitzenpolitiker im Moment, was sie vom Internet und den Menschen die sich darin tummeln halten – gar nichts. Obwohl ständig und immerzu von der Wichtigkeit des Netzes für kommende Wahlkämpfe, sogar für kommende Regierungen gesprochen wird, ist das bei vielen Politikern scheinbar noch nicht angekommen.
Die 70.000, die sich an der Petition gegen die Sperrung von Internetseiten beteiligt haben, werden Unisono als Unterstützer von Kinderpornografie gebrandmarkt. Den Politiker möchte ich sehen, der sich in einem voll besetzten Wahlkampfzelt vor die grölende Masse stellt und behauptet, alle im Zelt seien volltrunkene Spinner, mit dämlichen Kindern und hässlichen Visagen. Genau das machen einige Politiker aber im Moment mit den Internetnutzern, nur, dass sie es eben noch viel drastischer formulieren. Als Unterstützer von Kinderschändern gebrandmarkt zu werden, ist eigentlich nicht mehr zu übertreffen.
Dieses, gelinde gesagt, dümmlich-rüpelhafte Verhalten unserer Volksvertreter zeigt gerade einer ganzen Generation, die sich wie selbstverständlich durchs Netz bewegt und informiert, wie inkompetent und ignorant die politische Kaste eigentlich ist.
Welchen Schaden sie damit anrichten, ist wohl erst in Zukunft absehbar. Die Internetgemeinde fragt sich nämlich gerade, von was Politiker eigentlich Ahnung haben, wenn sie selbst so simple Sachverhalte, wie die wirkungslose Sperrung von Kinderpornoseiten nicht begreifen. Wie sieht ihr Wissen denn dann erst bei komplizierten Themen aus, bei den Renten, Neuverschuldung, Steuergerechtigkeit oder Umweltschutz?
Die öffentlich zur Schau getragene Inkompetenz der Familienministerin von der Leyen oder der eines zu Guttenbergs trägt jedenfalls definitiv nicht dazu bei, neue Wählerschichten zu mobilisieren.
Gerade jetzt, wo im Internet tatsächlich so etwas wie ernsthafte politische Partizipation entsteht, wird der Netzgemeinde mit solcher Wucht vor dem Kopf gestoßen, dass man sich wirklich fragen muss, wie wichtig die Politik eigentlich bürgerschaftliches Engagement nimmt.
Ernsthafte Diskussionen will im Netz wohl kein Politiker führen. Wer sich auf Portalen wie wahl.de umschaut, gewinnt stattdessen eher den Eindruck, dass sich Politiker im Netz lieber mit sich selbst und ihrer Partei beschäftigen, als ernsthaft mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Eine Fortsetzung der bisherigen Kommunikationsweise also: Politiker sprechen zum Volk, das ihnen ergeben zuhört.
Dass das Volk im Internet aber inzwischen gelernt hat, selbst zu sprechen, das ist den Damen und Herren Politikern noch nicht aufgefallen. Am Internet, so ist es prophezeit worden, kommt in Zukunft kein Politiker mehr vorbei. Dumm nur, dass die Politik noch nicht verstanden hat, dass die Zukunft schon jetzt begonnen hat.
39 Reaktionen auf “Seltsames Demokratieverständnis”
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11. Mai 2009 um 13:57
Sehr gut, du sprichst mir aus der Seele.
Herr von und zu Guttenberg ist ein gutes Beispiel für jemanden, der das Internet so gar nicht verstanden hat. Nicht nur seine Beleidigungen während der Tagesschau, sondern vor allem auch seine Weigerung http://www.abgeordnetenwatch.de zu antworten und statt dessen lieber auf sein Büro zu verweisen.
Träge, ahnungslos, unfair, frech und gefährlich sind wohl Tags, unter denen man ihn einfach archivieren könnte.
11. Mai 2009 um 15:01
Äh, so ziemlich genau das wollte ich in meinem Eintrag auch sagen. Nur, dass ich das nicht so sauber hinbekommen habe.
11. Mai 2009 um 15:45
Exzellent auf den Punkt gebracht. Dem ist nichts hinzuzufügen.
11. Mai 2009 um 15:51
Nur zu verständlich.
Da hat man sich jahre- oder jahrzehntelang durch die Hierarchien einer verknöcherten Partei hochgedient und ist jetzt endlich in einer Position, in der man meint, auch mal das Sagen zu haben. Und dann kommen plötzlich irgendwelche Bürger daher und weisen einen auf die eigenen Fehler hin. Bürger, die doch eigentlich zwischen den Wahlen den Schnabel halten sollen, denn für was haben wir denn eine parlamentarische Demokratie? Und blöderweise nicht mal Mitglieder der eigenen Partei, so dass man sie noch nicht einmal über den Landes- oder Ortsverband zur Raison rufen.
Gegen Bürger, die sich in das Regierungs- und Wahlkampfgeschehen frech einmischen, sollten umgehend gesetzgeberische Maßnahmen ergriffen werden. Als erster Schritt sind diese unglückseligen Online-Petitionen abzuschaffen, um die Latte für dieses Querulantenpack wieder höher zu legen. Einmischung von unabhängigen Bürgern ohne parteipolitische Disziplinarmöglichkeiten, ja wo komm’wa denn da hin!
11. Mai 2009 um 15:57
Kann mich nur anschließen: Du sprichst mir aus der Seele.
Wie soll ich annehmen können das sich unsere Politiker bei Fragen wie der Finanzkrise, dem demographischen Wandel, [bitte setzten sie hier alle weiteren Probleme ein] fachkundigen Rat holen, wenn sie es nicht einmal bei einem vergleichsweise leicht zu überschauenden Thema wie den Internetsperren schaffen?
11. Mai 2009 um 15:58
Wie recht Du hast. Leider!
11. Mai 2009 um 16:18
Sehe ich ähnlich. Siehe dazu auch meinen Artikel Andere Welten – der Politikerring.
11. Mai 2009 um 16:46
Politiker von gestern machen Politik von gestern. Aber nicht mit den Menschen von heute! Ich hoffe die kriegen ihre Quittung schon diese Wahl.
Allmählich versteh ich wie die Piraten in Schweden die drittgrößte Partei werden konnten – es besteht einfach Bedarf an realitätsnaher Politik..
Und diese selbstgerechte CDU-Arroganz, sowie das SPD-Duckmäusertum sind hängt mittlerweile jedem zum Hals raus. Wofür brauchen wir die da oben? Dumme Ideen in Umlauf und auf Papier bringen können die Leute mittlerweile selbst.
11. Mai 2009 um 17:13
Wir sind aber schon viel weiter, als wir glauben. Die “Partei” der Petitionsunterzeichner ist ja bereits größer als die Grünen und die FDP. Würden also alle in die FDP oder in die Grünen eintreten, könnten wir die Partei glatt übernehmen.
Vielleicht sollten wir das auch tun.
http://ypsilonminus.wordpress.com/2009/05/11/wir-haben-es-immer-noch-nicht-begriffen/
11. Mai 2009 um 17:50
Interessant wird es, wie sich das bei den nächsten und übernächsten Wahlen niederschlägt, also ob bestimmte Parteien deutlich bei den unter 35jährigen verlieren.
Wählerstimmen sind ja bislang noch die einzige Währung, die die Parteien verstehen…
11. Mai 2009 um 18:09
@Ben: Auch fast so groß wie die LINKE (76 000 Mitglieder zu (jetzt 19:05) 73575 Unterzeichnern). Naja es wurde ja auch ordentlich mobilisiert dafür.
. Am Ende sind diese ganzen Blogs, YouTube-Kanäle und Twitteraccounts der Parteien ziemlich lächerlich. Es steckt kein neues Konzept dahinter. Die Parteien versuchen einfach das alte Wahlkampfkonzept in ein neues Medium zu quetschen. Und das passt einfach nicht!
@Buzze Und was du schreibst mit diesem Onlinewahlkampf so muss ich dir jetzt mal ausnahmsweise Recht geben
11. Mai 2009 um 18:59
Zu Guttenberg: http://www.zeitgeist-online.de/special24.html
11. Mai 2009 um 19:06
Sehr gut ausformuliert.
Ich vermute, dass den Politikern der beiden “Volks”-Parteien dies auch bewusst ist, sie aber – aus reiner Machtverlustpanik – keine anderen Möglichkeiten sehen, als die basisdemokratischen Strukturen des Netzes abzuschaffen.
Deshalb der Zensurfilter.
Meine Hoffnungen sind, dass noch viel mehr Menschen die Petition unterschreiben und dass die Grünen, mit ihrem mE zukunftsweisenden Kapitel Digital ist besser viele Stimmen erhalten. Die Piratenpartei ist für mich nicht wählbar, da fehlt es an Substanz und deren Themen sind im Grunde genommen im Wahlprogramm der Grünen enthalten.
11. Mai 2009 um 19:21
die zur schau getragene inkompetenz hat doch für manche verunsicherte menschen auch etwas befreiendes. ich kann mir viele ältere menschen vorstellen, die jetzt denken: “ich treffe mit der maus keinen fünfmarkstückgroßen button, muss mich aber dafür gar nicht schämen, denn meine volksvertreter kriegen mit der selben kompetenz sogar gewaltige verträge und gesetzesvorhaben hin, mit denen die grausamsten verbrechen verhindert werden.”
in amerika würde man so etwas vermutlich “leadership” nennen.
im schäuble und frau leyen empfehlen sich mehr mit einer haltung zu den ängsten großer teile der bevölkerung, als mit einer tragfähigen problemlösung. wer diese ängste nicht hat, bekommt von einen zeitungsartikel auf den frühstückstisch, den ein redakteur geschrieben hat, dem sie zuvor böse bilder gezeigt haben.
das psychische gleichgewicht dieser diskussion macht es für uns sehr schwer, uns wirkungsvoll zu positionieren. im schäuble und frau leyen stellen ihre zuhörer vor die wahl: nur wenn ihr uns in unserem vorschlag folgt, braucht nicht wieder über gefahren der informationstechnologie nachzudenken. wer der “gegenseite” zuhört, bekommt’s gleich dreifach um die ohren:
- ohne eingeständnis des unwissens in einer hochangesehenen technologie ist für diese verunsicherten menschen kein verständnis möglich. suffer for your knowledge, baby. oder lass es lieber, so wie ich, der politiker. sieh hin, ich bin mächtig, ich entscheide so etwas und bin selbst so ungebildet wie du.
- wir lassen uns von der spätpubertären naivität einer gereration doof doch nicht von unseren brandnotwendigen zielen abbringen! (einladung an die alten medien: hier sind noch plätze frei! internet ist naiv! internet ist moralisch kaputt! internet ist gefährrrlich!)
- wer nicht für uns ist, ist gegen uns. 70.000 kinderschänder, die geschichte halt. hübsche variante hier: verstärkung durch betroffenheit. da braucht’s gar kein argument, der edle mensch zeigt sich durch emotion: innenpolitik, die sich mit einem gesichtsausdruck rechtfertigt. das erinnert mich an ultrareligiöse mahner, die gespräche mit einem “ich werde für sie beten” beenden.
ich halte diese tricks für perfide und sehr wirksam. wie lassen sie sich effektiv kontern?
- so schwer ist das gar nicht mit den computernetzen. und keiner muss sich schämen, der das nicht versteht. los, komm, ich erklär dir das!
- wir müssten laut in der sache sein und leise in den gefühlen. die petition und ihre initiatorin hat mir da sehr gut gefallen. überzeugungskraft ist wichtiger als empörung. die funktioniert sowieso nur da, wo der zuhörer inhaltlich folgen kann.
- gegen das argument der diffamierung fällt mir nicht viel ein. das sollte man mal mit leuten diskutieren, die in hitziger diskussion ausgebildet sind. da gibt es sicher techniken. für sich alleine genommen ist halte ich das argument übrigens für schwach. es wirkt nur stark, wenn die anderen mitschwingen können.
ein paar ideenfetzen für die gesprächsführung habe ich aber schon:
wenn ruhige, sachliche kritik diffamierung erntet, können die sachargumente nur schwach sein. die diffamierung könnte man zur kenntnis nehmen und auf die sachfragen zurück lenken.
meinen wir nicht, dass die stärke des internet in prinzipien wie offenheit, miteinander und neugier liegt? dann müssen wir sie auch erklären lernen, ohne ängste zu verstärken. erst dann kann unser politisches anliegen verständlich werden. wenn wir die freiheit, die wir im internet erkennen, mit arroganz verteidigen wollen, schießen wir uns in den fuß.
in der breite helfen nur petitionen und glaubhafte multiplikatoren: glaubhafte politiker (gut, ich lache auch ein bisschen an der stelle, aber schön wär’s doch), wirtschaftsleute (die provider haben an der stelle fast vollständig versagt), kulturschaffende mit älterer zielgruppe (leider leider haben die print-nahen akteure hier selbst oft angst vor dem internet), universitäten und angesehene juristen. auf letztere setze ich sowieso ein wenig hoffnung in der sache, da die vermutlich professioneller mit der perfiden argumentation umgehen können. und na klar, karlsruhe. ich vermute nur, dass der von der paranoischen politikfraktion gewünschte konsens dann schon lange hergestellt ist.
wo bleiben in der sache eingentlich die journalistenverbände?
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