30.
Oktober
2007
Fast zwei Wochen hier verbracht und fast gar nichts dazu geschrieben, dabei gibt es so viel zu Suzhou zu schreiben.
Wer China bereisen möchte, der findet hier einen guten Startpunkt, um nicht gleich einen Kulturschock zu erleiden. Shanghai und Beijing sind teilweise sehr westlich, vor allem Shanghai steht New York eigentlich in nichts nach, aber die Städte sind einfach gewaltig und erschlagen kleine Dorfmenschen, die wir Deutschen nun mal sind mit ihrer schieren Größe.
Dann also lieber Suzhou eine chinesische Kleinstadt mit etwa 6 Millionen Einwohnern – schön überschaubar eben. Ich könnte mich etwas aus dem Fenster lehnen und sagen, Suzhou erinnert mich ein wenig an Augsburg. Blicken beide Städte doch auf eine sehr lange Geschichte zurück, beide sind älter als 2000 Jahre. Beide hatten ihre Glanzzeiten im Mittelalter, als bedeutende Handelszentren mit reichem Bürgertum. Beide waren mächtige Textilzentren, wobei Suzhou immer noch die Seidenhauptstadt Chinas ist. Das rege Handeln war der Grund für ein dichtes Kanalnetz in den Städten, weshalb beide immer wieder mit Venedig verglichen werden. Last but not least werden trotz der unterschiedlichen Bevölkerungszahlen spätestens nach 23 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt, es ist dann einfach nichts mehr los auf den sonst so überfüllten Straßen.
Das war’s dann aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Suzhou ist im Gegensatz zu Augsburg nämlich eine DER Boomstädte Chinas. Gerne geschmückt mit dem Titel „Chinas Silicon Valley“. Hightechfirmen wie Apple oder Logitech haben sich hier angesiedelt und auch viele deutsche Firmen werkeln inzwischen im Suzhou Industrial Park. Der SIP ist eine komplett neue Stadt neben der alten Stadt, für viele Chinesen ist es ein Traum hier zu wohnen. Kein wunder also, dass sich die Einwohnerzahl in den letzten drei Jahren verdoppelt hat.
Dass Suzhou trotzdem nicht völlig überlaufen erscheint, liegt am glücklicherweise erhaltenen Charme der Altstadt. Sicherlich ist vieles bereits abgerissen worden, überall sprießen Hochhäuser in den Himmel, entstehen neue Straßen und Wohn- und Gewerbegebiete. Aber irgendwie gibt es noch sehr viele Ecken, die noch klein, eng, flach, also einfach chinesisch sind. Wie gesagt, die Innenstadt ist weitgehend frei von gewaltigen Hochhäusern und sorgt mit viel Grün an den Straßen trotz Smog für ein angenehmes Stadtbild.
So richtig berühmt allerdings ist Suzhou für seine Gärten. Ganze neun davon sind inzwischen von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. Die meisten sind liebevoll restauriert worden und jeder hat seinen eigenen Charakter und Stil, logischerweise lohnt es sich fast alle zu besuchen. Richtig gut haben mir der Lion Grove Garden” mit seinem Steinlabyrinth und der Tianping Hill gefallen. Die „No.1 Sight of Suzhou“, der Tiger Hill, war für mich weniger berauschend, da er eher Park als Garten ist. Mein Tipp: Lieber die kleineren Gärten besuchen, als den überlaufenen Tiger Berg. Wer unbedingt einen Berg besteigen möchte, der tut das am besten am schon erwähnten Tianping oder am Shangfang Hill im Süden Suzhous. Dort kann man auch einen gewaltigen goldenen Buddha bestaunen.
Hin kommt man fast überall mit dem Bus, wenn’s mal schneller gehen soll nimmt man das Taxi. Beides hat seine Tücken, wie ich schon berichtete. Ich präferiere den Bus, da kommt man immer ohne Umwege zum Ziel und bezahlt maximal 30 Cent. Wer schlau ist informiert sich vorher, welche Buslinie wohin fährt. Meist sind es zwei oder drei, die fast identische Routen haben. Zwei Linien sind dann grundsätzlich überfüllt und bei einer fährt fast keiner mit. Wir hatten mit der Linie 262 immer einen fast leeren Bus, der uns in die Innenstadt fuhr. Am Sonntag sollte man allerdings vermeiden in die Stadt zu fahren, egal ob mit Bus oder Taxi. Sonntag ist Einkaufstag in China. Suzhou platzt da aus allen Nähten und der Verkehr steht.
Das Nachtleben von Suzhou ist, wie in anderen chinesischen Städten nicht durchgängig gut. Restaurants schließen liebend gern schon weit vor 12 Uhr. Also langatmiges Bier trinken nach dem Essen entfällt meist. Also ist man häufig gezwungen erst das sehr leckere Essen zu genießen und dann in eine Bar zu wechseln, die allerdings etwas teurer sind, als die gängigen Restaurants. Was heißt etwas teurer, ein Bier kostet in den Kneipen etwa so viel wie in Deutschland. Geschuldet ist diese etwas seltsame Öffnungszeit- und Preisgestaltung den chinesischen Essverhalten. Gegessen wird zwischen 18 und spätestens 21 Uhr, wer sich betrinken möchte tut da ebenfalls bis dann.
Betrinken heißt in dem Fall mit Mao Tai Schnaps zuschütten, nach einer Stunde vor die Kneipe kotzen und heimwärts torkeln. Ich hab’s oft genug gesehen, es läuft wirklich so ab. Das heißt also, nach 22 Uhr sind die Straßen fast leer. Die Ausländerdichte ist in dieser Zeit exponentiell hoch, ergo ist auch die Verdienstdichte hoch, ergo sind die Preise in Bars hoch. So einfach läuft das in China.
In Suzhou hat man übrigens immer ein sicheres Gefühl, wenn man um die Häuser zieht. Ich hatte nie bedenken auch in finsterer Nacht – erstaunlich für eine Großstadt. Allgemein gilt das allerdings für alle Städte, die ich in China besucht habe. Selbst als wir aus Versehen in Beijing in finstere Gassen gerieten, waren die Chinesen zwar immer interessiert, aber auch immer freundlich.
Mein Rat also an alle, die China besuchen wollen: Schaut in Suzhou vorbei, ich weiß zwar nicht wie lange diese Stadt noch dieses Gesicht haben wird, aber derzeit ist es eine wirklich angenehme Stadt, die einen sehr sanft in die chinesische Kultur und Angewohnheiten einführt. Wer nämlich gleich ins Hinterland oder gar nach Tibet fliegt, wird von einigen Sitten und Gebräuchen sicherlich sehr überrascht, wenn nicht sogar angewidert sein. Suzhou bietet auf engsten Raum chinesische Kultur von der Antike bis zur hochglanzpolierten Zukunft.
PS: Probiert unbedingt den explodierten Fisch, der, wie ich inzwischen weiß Squirrel-shaped Mandarin Fish heißt. Sehr lecker.
Interssante Links:
360°-Bilder einiger Gärten von Suzhou
Webseite der Stadt
Informationen zu Suzhous Gärten

19. Mai 2011 um 21:40
Wow!
Echt schöner Bericht über Suzhou!
Immer schön zu lesen wie andere diese schöen Stadt finden.
Den Vergleich mit Augsburg find ich super. Aber trifft nicht in allen Punkten zu.
LG Manuel
25. Mai 2011 um 23:08
Hi ich hab auch ne Homepage über Suzhou, wäre schön wenn du mal vorbei schaust!