Wer China noch nie bereist hat, wird nach dem Eintreffen sehr bald zu dem Schluss kommen, dass Chinesen wohl alles schwerhörig sind. Das erste erhellende Erlebnis dazu hatte ich gleich nach der Landung in Shanghai in der U-Bahn. Ein Chinese brüllte dermaßen laut in sein Telefon, dass er die gesamte Bahn unterhalten konnte. Was in Deutschland wohl für skeptische Blicke sorgen würde, ließ hier bei keinem der Umstehenden eine Wimper zucken.
Doch nicht nur beim Telefonieren wird gebrüllt, überall schwillt hier schnell das Stimmorgan an. Auf der Straße begegnet man häufig alten Frauen, die sich gegenseitig anbrüllend herumwatscheln. In Restaurants, auch gehobenen, geht es zu wie im Bierzelt, jedenfalls akustisch. Chinesen sehen es gar nicht ein leise zu sein, es wird einfach überall gelärmt – keine vornehme Stille, wie in Deutschland ist zu finden.
Bei Führungen durch Gärten, Tempel und sonstigem kulturellen Orten wird deshalb auch gerne auf Mikrofone, Megafone und sonstige Fone zurückgegriffen, um die wild schnatternden Touristengruppen zu übertönen, was dann für noch mehr Lärm sorgt. Es ist schon sehr befremdlich, wenn man an einem herrlich ruhigen Teich sitzt und plötzlich eine laut krächzende Stimme zu hören ist und innerhalb von 2 Minuten eine Horde Touristen vorbeistapft, fleißig Fotos schießt und dann wieder im Nirgendwo verschwindet. So Klischeehaft sich das anhört, so real ist es doch in China – ich seh’s ja jeden Tag.
Um in diesem lauten Land überhaupt noch gehört zu werden, muss man noch lauter brüllen als die Massen. Deshalb wird in Einkaufsstraßen dazu übergegangen riesige Lautsprecher aufzustellen, aus der in Festivallautstärke Musik bummert. Hier, so die Botschaft, hier gibt es was zu kaufen. Und was soll ich sagen, es klappt. Wie Fliegen zum Licht, strömen Chinesen zu lauten akustischen Quellen.
Das hat die Nebenwirkung, dass Ausländer fast einen Hörsturz erleiden, wenn sie in eine chinesische Kneipe kommen. Neben dem üblichen Geschnatter der Gäste ist meist der Fernseher auf volle Lautstärke aufgedreht. Egal was kommt, Hauptsache es ist laut. Überall läuft Musik, selbst in Taxis. Dummerweise haben Taxis ihre Lautsprecher meist nur hinten angebracht. Der chinesische Fahrer kann dann nur unverständlich gucken, wenn die Langnasen sich erdreisten die Musik leiser zu machen. Für Chinesen ist Stille einfach unerträglich.
Das ist wohl auch der Grund, warum die Chinesen Feuerwerk so lieben, denn viel mehr als die Raketen mit ihren wunderschönen Explosionen lieben die Chinesen die Böller. Solche Teile würden in Deutschland wohl nie zugelassen werden, hören sie sich doch – wirklich ohne Übertreibung – an, als würde ein Haus abgerissen oder eine dicke Kanone abgefeuert.
Chinesen sind Lautstärkejunkies, da können unsere Goldkettchen behängten Golf- und Opel-Proleten mit ihren kleinen 1000 Wattverstärkern einpacken.
So – und mit diesem Wissen versuch mal in einem Schlafwagen zu schlafen, wenn zwei Chinesen, die zwar Kopfhörer aufhaben, aber die Lautstärke auf Maximum eingestellt haben, im Bett über dir fernsehen. Ich weiß nicht, wie die schlafen konnten, denn ich verstand ohne Kopfhörer schon jedes Wort.
Vielleicht sind die hier wirklich alle schwerhörig…