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Dass ich die Touristen hier in Peking sehr kritisch betrachte, ist ja den ein oder anderem schon bekannt. Ich bin zwar auch nichts anderes als ein Laowai, wie die Ausländer hier genannt werden, ganz so peinlich führ ich mich aber hoffentlich nicht auf.

Heute hab ich mir den Yongehong Lama-Tempel angesehen, den größten tibetischen Tempel außerhalb Tibets, eine wunderschöne Anlage aus dem 18. Jahrhundert. Highlight im wahrsten Sinne des Wortes ist eine 18 Meter hohe, aus einem einzigen Stück Sandelholz geschnitzte Statue des Buddhas Maitreya.

Der Tempel wird offiziell noch genutzt, aber die “Mönche” die dort rumsitzen, sehen dann irgendwie doch eher wie normale Angestellte aus. So wird hier trotz des Weihrauches nur ansatzweise tibetische Atmosphäre verbreitet. Dass der Tempel inzwischen also nur noch sehr wenig mit Tibet zu tun hat, störte eine Gruppe Deutscher Touristen allerdings nicht ausgiebig mit ihrem chinesischen Reiseführer über Tibet zu diskutieren. Schließlich haben Deutsche ja ein sehr großes Herz für unterdrückte Völker.

Es war ehrlich gesagt ziemlich peinlich, wie da ein Landsmann mit ernster Mine versuchte den Reiseführer davon zu überzeugen, dass dieser einem Volk von Barbaren angehören würde. Er sagte es zwar nicht direkt, aber es schwang in seiner recht simplen Argumentation mit. Dass die Langnase im Grunde nur seine ungeheure Unwissenheit zur Schau stellte und sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufführte, störte den kleinen Reiseführer nicht. Er lächelte und erklärte dem Deutschen die offizielle Sichtweise der Chinesen.

Da frage ich mich, warum denken manche denn ständig, sie müssten die Welt retten und interessieren sich dabei so wenig für die Kultur der anderen Völker? Aber unsere Sicht der Dinge ist ja immer die einzig Vernünftige und die muss dann auch mit dem Holzhammer verbreitet werden.

Und als dann ein anderer Deutscher sich in der Tempelanlage eine Zigarette ansteckt und dann wütend wird, als ein Angestellter ihn darauf hinweist er solle die Kippe ausmachen, war es mir richtig peinlich ein Deutscher zu sein. So viel kulturelle Ignoranz an einem Tag war mir dann doch zu viel oder würde einer von euch auf die Idee kommen in der Kirche zu rauchen?

Neulich beim Aufzugfahren: Drei Fahrgäste drängeln sich in die Kabine. Eine Frau Ende 50, ein stockbesoffener Mann und ich.

Der lallende Typ freut sich, dass wir ihn die Lifttür aufgehalten und auf ihn gewartet haben. „Wir sind ja da nicht so“, meint die Frau „wir sind ja höflich. Das gibt’s ja nicht mehr so oft.“ Der Angesprochene erwidert stockend: „Ja, vor allem in dem Haus hier.“ Mir ist natürlich klar, wen er damit meint: Ausländer. Hier im Schwaben Center wohnen so ziemlich alle Nationen: Araber, Türken, Russen, Polen und natürlich Deutsche.

Und mit den besten Deutschen scheine ich mir gerade den Aufzug zu teilen. Jedenfalls, wenn es nach ihnen geht: „Es grüßen ja nicht mal alle, unmöglich!“, greint die solariumgebräunte Dame. Dem dicklichen rotbackigen Mann fällt es dabei schwer gerade zu stehen, aber er nickt zustimmend. Wir halten im siebten Stock, ein Rollstuhlfahrer will mit in den Lift. Auch er sieht nicht gerade nüchtern aus, aber ist ein Deutscher, also wird er freundlich begrüßt – jedenfalls von der Frau. Der betrunkene Dickwanst versucht sich an die Wand zu pressen, anstatt den Weg frei zu machen. „Fahren sie mir ruhig über die Füße“, lallt er.
Irgendwie zwängt der Rollstuhlfahrer sich rein und wir können weiter fahren.

Eine Etage, um genau zu sein, da wohn ich nämlich. Ich zwänge mich an den Betrunkenen vorbei, die natürlich keine Anstalten machen mich irgendwie vorbeizulassen. Sie stehen einfach da, glotzen blöd und stinken vor sich hin. Höflich wie ich bin, verabschiede ich mich freundlich. Zurück grüßt natürlich nur die Frau, die anderen beiden scheinen nicht zu wissen, wo sie gerade sind und wer da gesprochen hat.

Erstaunlich wie asozial sich manche Deutschen aufführen und sich dann immer noch erdreisten zu meinen sie seinen besser als andere.