19.
Mai
2008
Wegen dem verheerenden Erdbeben ist von Peking eine dreitägige Staatstrauer angeordnet worden. Überall wehen die Flaggen auf Halbmast und heute um 14:28 Uhr, genau eine Woche nach dem Beben, wurde 3 Minuten eine “Schweigeminute” eingelegt.
Das heißt auf Chinesisch: Alle ohne Auto oder Moped standen 3 Minuten mit geneigtem Kopf still. Alle IN Autos oder auf Mopeds schlugen so laut Krach wie sie nur Konten. Es wurde gehupt, getrötet und möglichst wurden noch Sirenen angeschmissen. Das waren die lautesten Schweigeminuten meines Lebens.
Da das aber den katastrophalen Ausmaßen des Bebens mit inzwischen fast 30.000 Toten und weit über 5 Millionen jetzt heimatlosen Chinesen in keiner Weise gerecht wird, wird in den nächsten drei Tagen die sogenannte “öffentliche Freizeitgestaltung” unterbrochen. Das heißt konkret: Bars, Discos, Karaoke-Bars, Vergnügungsparks und Vergnügungseinrichtungen sind geschlossen. In der Innenstadt waren die immer gut besuchten Bier-Bars verrammelt und die Mitarbeiter wussten gar nicht, was sie groß machen sollten.
Selbst das Fernsehprogramm ist faktisch auf Erdbebenberichterstattung geschrumpft. Alles, was Unterhalten könnte, wird von der Mattscheibe verbannt. Die paar ausländischen Sender, die es hier gibt, zeigen nur ein schwarzes Bild mit folgender Botschaft:
Das wäre ja alles nicht so schlimm, aber was tun Chinesen, wenn sie nicht fernsehen können? Sie gehen ins Internet, was zur Folge hat, dass es absolut unbenutzbar wird. Zwischenzeitlich ging bei mir hier gar nichts mehr, nur noch Google war aufrufbar – und seltsamerweise StudiVZ. Was das genau zu bedeuten hat, kann vielleicht nur der Holzbrinck-Verlag erklären
Eine solch konsequent durchgezogene Staatstrauer habe ich noch nie erlebt. Sie wirkt aber, ich stand heute tatsächlich einige Minuten am Tian’anmen und gedachte der Opfer. Außerdem habe ich mich heute doch noch mal ausführlich mit dem Beben beschäftigt. Es gab dazu eine sehr interessante Diskussionsrunde auf CCTV9, dem englischsprachigen Ableger des Staatsfernsehens.
Man mag ja von angeordneter Trauer halten was man will, aber mit welcher Konsequenz die das hier durchziehen, ist schon bemerkenswert. Da sind unsere Schweigeminuten in Deutschland ja schon fast pietätlos.

