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Wegen dem verheerenden Erdbeben ist von Peking eine dreitägige Staatstrauer angeordnet worden. Überall wehen die Flaggen auf Halbmast und heute um 14:28 Uhr, genau eine Woche nach dem Beben, wurde 3 Minuten eine “Schweigeminute” eingelegt.

Flagge

Das heißt auf Chinesisch: Alle ohne Auto oder Moped standen 3 Minuten mit geneigtem Kopf still. Alle IN Autos oder auf Mopeds schlugen so laut Krach wie sie nur Konten. Es wurde gehupt, getrötet und möglichst wurden noch Sirenen angeschmissen. Das waren die lautesten Schweigeminuten meines Lebens.

Da das aber den katastrophalen Ausmaßen des Bebens mit inzwischen fast 30.000 Toten und weit über 5 Millionen jetzt heimatlosen Chinesen in keiner Weise gerecht wird, wird in den nächsten drei Tagen die sogenannte “öffentliche Freizeitgestaltung” unterbrochen. Das heißt konkret: Bars, Discos, Karaoke-Bars, Vergnügungsparks und Vergnügungseinrichtungen sind geschlossen. In der Innenstadt waren die immer gut besuchten Bier-Bars verrammelt und die Mitarbeiter wussten gar nicht, was sie groß machen sollten.

Selbst das Fernsehprogramm ist faktisch auf Erdbebenberichterstattung geschrumpft. Alles, was Unterhalten könnte, wird von der Mattscheibe verbannt. Die paar ausländischen Sender, die es hier gibt, zeigen nur ein schwarzes Bild mit folgender Botschaft:

Das wäre ja alles nicht so schlimm, aber was tun Chinesen, wenn sie nicht fernsehen können? Sie gehen ins Internet, was zur Folge hat, dass es absolut unbenutzbar wird. Zwischenzeitlich ging bei mir hier gar nichts mehr, nur noch Google war aufrufbar – und seltsamerweise StudiVZ. Was das genau zu bedeuten hat, kann vielleicht nur der Holzbrinck-Verlag erklären ;)

Eine solch konsequent durchgezogene Staatstrauer habe ich noch nie erlebt. Sie wirkt aber, ich stand heute tatsächlich einige Minuten am Tian’anmen und gedachte der Opfer. Außerdem habe ich mich heute doch noch mal ausführlich mit dem Beben beschäftigt. Es gab dazu eine sehr interessante Diskussionsrunde auf CCTV9, dem englischsprachigen Ableger des Staatsfernsehens.

Man mag ja von angeordneter Trauer halten was man will, aber mit welcher Konsequenz die das hier durchziehen, ist schon bemerkenswert. Da sind unsere Schweigeminuten in Deutschland ja schon fast pietätlos.

Also es ist ja schon fast nicht mehr auszuhalten, mit welcher Arroganz Spiegel Online manchmal über das Weltgeschehen berichtet. Da bricht über China die größte Katastrophe seit 30 Jahren herein und Spiegelautor Wieland Wagner hat nichts Besseres zu tun, als mal wieder das politische System Chinas anzugreifen.

Premier Wen Jiabao eilt durch die Krisenregion, hört sich die Nöte der Menschen an und verspricht schnelle Hilfe. Dass Wen als Krisenmanager auftritt, ist für Wagner aber keine staatsmännische Größe, sondern nur Zeichen eines strukturell schwaches politisches System.

Denn anders als im Westen können die Chinesen ihre Unzufriedenheit nicht mittels einer unabhängigen Presse oder durch demokratische Wahlen äußern.

Was das Ganze jetzt mit dem Erdbeben zu tun hat, erschließt sich mir überhaupt nicht. Mich erinnert Wen eher an Gerhard Schröder, der beim Hochwasser anno 2002, als Krisenmanager auftrat und alles zur Chefsache machte.

Wie kann man denn ernsthaft einen Artikel schreiben, der ein solches Vorgehen diskreditiert? Wagner kann. Er kritisiert einfach mal pauschal drauf los: gegen die Chinesische Presse, die Regierung und gegen alles was ihm noch so einfällt. Das übliche herablassende Geschwafel der ach so wunderbaren freien Presse der westlichen Welt.

Kritik an den politischen Umständen in China kann gerne geübt werden, aber in Anbetracht einer solchen Katastrophe einen dermaßen polemischen Artikel zu verfassen, spricht entweder von Dummheit oder der pure Absicht die Klickrate der Seite zu erhöhen. Beides ist dem Spiegel ja inzwischen zuzutrauen. So langsam nervt dieses China-Bashing gewaltig.

Ich sehe hier viele besorgte Chinesen, die sich für Blutspenden in lange Schlangen einreihen, die freiwillig Schaufeln, Zelte und Boote ins Krisengebiet fahren, die Geld spenden, obwohl sie selbst kaum etwas haben und die Medien versuchen alles, diese besorgten Menschen zu informieren. Ich erkenne da keine Unterschiede zu Katastrophen, die uns heimgesucht habe – oder sehe ich das falsch?

Das fragte heute eine Kollegin einfach mal so in die weite des Großraumbüros inmitten von Peking. Ich sah sie fragend an, auch die anderen Mitarbeiter schienen etwas aufgeregt zu sein. Warum zum Teufel sollten wir rennen?! Als dann ein Pulk von Kollegen an mir vorbei zum Fenster schritt brachte mir eine junge Dame auch die Lösung dieses Rätsels näher. “Haven’t you noticed the earthquake?!” fragte sie mich.

Nein, hatte ich nicht. Da bebt tatsächlich das erste Mal die Erde an einem Platz, an dem ich mich auch gerade befinde und ich bemerke es nicht mal. Die Leute draußen auf der Straße hatten das aber anscheinend auch nicht weiter bemerkt, draußen hupte der Verkehr wie eh und je und Passanten versuchten sich zwischen den Autos durchzuschieben.

Das Erdbeben hatte sein Epizentrum auch über 1500 km entfernt in der Provinz Sichuan, dort richtete es erheblichen Schaden an. Von den 3,9 die in Peking auf der Richterskala gemessen wurden, merkte ich wie schon gesagt, gar nichts. Also entweder bin ich total unsensiebel gegenüber Erdbeben oder mein verdammter Jetlag wirkt sich auch auf meinen Gleichgewichtsinn aus.

Hier also die Entwarnung an alle die sich Sorgen machen: Mir gehts gut… bis auf den verdammten Jetlag!