Alle Beiträge mit dem Tag: Gekritzel


Da hat mir Simon gerade mit einem kleinen Kommentar eine Möglichkeit eröffnet, auf die Suche nach meiner verlorenen Zeit zu gehen, erinnerte ich mich doch dank ihn an eine kurze Episode aus meiner Grundschulzeit. Es geht hier zwar auch um Gekritzel und irgendwie ist es auch eine Antwort auf Simons Kommentar, aber der wurde jetzt so lang, dass ich ihn lieber als Beitrag veröffentliche.

Ich kann mich daran erinnern, es muss in der zweiten Klasse gewesen sein, Ende der 80er Anfang der 90er, gewesen sein, da wurde plötzlich Star Wars ganz große Mode. Aus unserer Klasse hatte bis dahin allerdings nur ein einziger Junge Georg Lucas’ Sternensaga gesehen, wir anderen waren dafür noch zu klein. Andererseits hatten wir bis dahin auch gar keine Chance es zu sehen, im damals sehr eingeschränkten Fernsehbouquet.

So blieben uns nur die Erzählungen von Michi, so hieß der Junge. Er hatte aus irgendwelchen Gründen nicht nur einen Videorekorder(!) sondern auch noch alle drei Star Wars-Teile auf Tape. Damit wurde der eigentlich recht sonderbare Bub eine Zeitlang ein Star unter uns Jungen in der Klasse.

Er erzählte uns von Luke Skywalker, Han Solo und Darth Vader, von martialischen Raumschlachten mit seltsamen Raumschiffen, die geformt waren wie Xe und Hs. Auch der Todesstern und die Sternenzerstörer wurden nicht ausgelassen.

Storytechnisch wurde von Michi eigentlich kaum etwas verraten. Der Typ war schon in seinem zarten Alter unglaublich Waffenverliebt, also schilderte er uns vorrangig die Raumkämpfe – zum besseren Verständnis auch mit Zeichnungen. Da wurden dann Manöver erklärt und die Durchschlagskraft des Todessterns demonstriert.

Zum Ende war das Blatt über und über mit kleinen Xe und Hs vollgekritzelt, ein dicker Klops demonstrierte den Todesstern und die Sternenzerstörer waren Dreiecke. Dazwischen gab es dann jede menge bunte Laserschüsse. Jeder der nicht wusste, was dort auf dem Blatt war, hätte uns für verrückt erklärt. Selbst wir begriffen ja nur teilweise, was uns der “Star Wars-Michl” da schilderte.

Da es aber relativ einfach war ein par Xs und Hs auf ein Blatt Papier zu malen und die dann Kämpfen zu lassen, wurde es in der Klasse ganz große Mode solche Zeichnungen anzufertigen. Teilweise wurde zu zweit an solchen Zeichnungen gesessen. So konnte man sich dann während des Zeichnens schon duellieren. Meistens gewann natürlich dann Michi, weil er irgendein bestimmtes Filmmanöver aus dem Film nachflog oder eine Spezial-Waffe kannte. So führte er plötzlich Darth Vaders Super-Sternenzerstörer aus Episode 5 ein und die Schlacht ging für mich natürlich verloren. Wir mussten ihn da glauben, schließlich kannte er sich aus.

Vielleicht war es diese kindliche Auseinandersetzung, die Star Wars für mich zu etwas ganz besonderen werden ließ. Ich hatte schon unzählige Raumschlachten durchlebt, mit dem Todesstern diverse Planeten zerstört und mit einem besonders dicken X den Todesstern selbst in die Luft gejagt, bevor ich das erste mal John Williams berühmte Fanfare hörte und den Rolltext in die Unendlichkeit erblickte. Kaum ein Film hatte als Kind auf mich solch eine Wirkung wie Star Wars und das obwohl ich ihn gar nicht gesehen hatte.

“Star Wars-Michl” genoss seinen Ruhm für ein paar Wochen und erlitt dann das Schicksal eines jeden One-Hit-Wonders, er verschwand wieder von der Bildfläche. Da er unser Nachbar war, spielten wir natürlich weiterhin mit ihm. Meistens trafen wir mit ihm zusammen, wenn mal wieder eine große Schlacht im Sandkasten geschlagen wurde. Dann reihten wir unsere Spielzeugsoldaten auf und eroberten die Burg des Gegners. Sehr erfolgreich war natürlich wieder der Michi, der kannte sich halt aus mit Waffen.

Ich weiß gar nicht was aus ihm geworden ist, dem “Star Wars-Michl” entweder ist er inzwischen der Kopf einer Verbrecherorganisation oder er ist Rüstungsingenieur geworden – wer weiß das schon. Für mich bleibt er immer der Junge der mir Star Wars schenkte.

Beim allsonntäglichen Versuch meinen Schreibtisch einigermaßen auf Vordermann zu bringen und die Stapel Papier von einer Hälfte auf die andere zu schieben, fiel mir seit langem mal wieder meine vollgekritzelte Schreibunterlage auf. Vollgeschmiert mit Notizen, Telefonnummern, Rechnungen und natürlich jeder Menge Bildern, Formen und seltsamen Linien – Gekritzel halt.

Immer wenn ich gelangweilt bin aber auch wenn ich mich konzentriere und ich einen Stift in der Hand halte, fange ich an zu kritzeln. Häufig zu beobachten ist das während Seminaren oder Vorlesungen, wo es nicht lange dauert, bis ich das ausgeteilte Handout mit lustigen kleinen Blumen, Kringeln, Rakten, Gesichtern und anderen tollen Kullern und Kreisen vollgeschmiert habe.

Die neuerliche Erinnerung in Form meiner Schreibunterlage ließ mich dann doch mal recherchieren, ob damit nicht vielleicht doch ein psychisches Defizit manifestiert wird. Schließlich muten meine vollständig bekritzelten Blätter schon etwas seltsam an.

Gleich vorweg: Kritzeln scheint ganz normal. Allein beim Telefonieren sollen 65% der Deutschen zum Stift greifen und munter vor sich hinkritzeln. Was diese kleinen Zeichnungen interessant macht, ist der Umstand ihrer Entstehung. Teilbewusst und ohne besondere Absicht entscheidet sich der Kritzler für bestimmte Motive. Für Georg Franzen sind die “gestaltenden Kräfte, die sich in den Kritzeleien aus dem Unbewussten manifestieren, [...] im Grunde dieselben, die auch in unseren Träumen am Werk sind.” Und das sollte die Kritzelein doch interpretierbar machen – jedenfalls für die, die auch an Traumdeutung glauben.

Gekritzel
Foto von *sean

Jack Goodman hat sich mal versucht ein paar Deutungen zu präsentieren – ganz unverbindlich natürlich. So soll schon die Position und Richtung der Kritzelei Aussagen über die Eigenschaften des Menschen machen. Ein Bildchen unten rechts auf dem Papier soll mangelndes Selbstbewusstsein suggerieren. Da meine Kunstwerke aber sowieso über das ganze Blatt wachsen, spielt diese Deutungsmöglichkeit wohl keine Rolle – außer das soll für meinen einnehmenden Charakter sprechen :P

Leider helfen mir die weiteren Erklärungsversuche von Goodman auch nicht viel mehr. Meine verschlungenen Linien sollen zeigen ich sei pingelig. Häuschen und Kästchen sprechen mir die Eigenschaft “cooler Rechner” zu, bzw. logisches Denken. Meine Kringel und Kreise zeugen von verhaltener Leidenschaft oder unterdrückten Plänen, Zacken einer Säge allerdings von einen aggressiven Charakter.

Auch die weiteren möglichen Deutungen gehen irgendwie in sehr verschiedene Richtungen. Meine lustigen Gesichter sprechen mir Humor zu, der positiv denkt. Meine verschachtelten Kästchen wiederum von von Einsamkeit und Wunsch nach Zuneigung.

So richtig weiter hat mir meine Recherche als nicht geholfen, was nicht besonders verwunderlich ist, schließlich ist die “Kritzeldeuterei” ähnlich wie die Traumdeutung meist nur individuell und dialogisch mit Psychologen möglich. Aber wenigstens bin ich mit meinem Rumgekritzel nicht alleine und fühle mich jetzt nicht mehr wie meine vierjährige Nichte, wenn ich mich beim Schmieren ertappe. Außerdem meint Franzen: “Kritzeleien sind [...], ob gedeutet oder nicht, eine Möglichkeit sich zu entlasten und aufgestaute Spannungen abzuführen.”

Meine Pflanzen mit dicken Stängeln bedeuten übrigens, dass ich eine gute Hausfrau sein möchte, dass hat mich dann doch überrascht. Bleibt nur noch die Frage, was ich mit den Raketen ausdrücken möchte?