Wer wohnt da eigentlich hinter dieser scheinbar nicht sehr dicken Mauer, die, obwohl sie die Außenmauer unseres Wohnhauses ist, kaum die akustischen Ergüsse aus der Nebenwohnung dämmen kann. Ohne größere Probleme kann man die Gespräche unserer Hausnachbarn mit anhören und sich langsam aber sicher ein Bild von ihnen machen, ohne sie je zu Gesicht zu bekommen. Schuld muss die alte Steinmauer sein, die den Schall nicht wirklich gut dämmt.

So hat man, sollte man sich ruhig verhalten, die Möglichkeit von früh bis spät am Leben unserer Nachbarn teilzunehmen. Und das beginnt sehr früh: Gegen sieben, am Wochenende gegen acht Uhr, beginnt der Streit um die Badezimmer-Rechte. Gar nicht so leicht bei einer vierköpfigen Familie, die zwei Töchter sind alles andere als bereit, ihre Recht dem sozialen Frieden willen etwas zu beschränken. So wird eben zu früher Stunde losgekeift, gestritten und nach Maaaamaaa geschrien.

Die hat allerdings selbst genug sorgen, nicht nur, dass sie zwei pubertierende Töchter hat, sie muss auch noch einen ignoranten Mann versorgen, der zu faul für Hausarbeit und Einkäufe ist. Wortfaul ist er übrigens auch, bei Streitereien verfällt er sehr oft auf ein sehr kindisches Nachäffen seiner Frau und sollte er selbst daran die Lust verlieren auf ein gelangweiltes “Bla-Bla-Bla”.

Sind die Kinder aus dem Haus wird es für den interessierten Hörer schwer zu erkennen, wer denn noch zu Hause geblieben ist. Das einzige Geräusch was vernehmbar ist, ist die dudelnde arabische Musik, die sich in einer Endlosschleife zu wiederholen scheint. Diese wird erst am Nachmittag von unsäglicher Chartmusik abgelöst – die Töchter sind wieder da. Nun dudelt die nächste Zeit peinlicher HipHop oder schnulziger Pop aus den Lautsprechern gegen unsere WG-Wand.

Am Abend wird es dann tatsächlich friedlich nebenan. Ruhe kehrt ein und, wenn überhaupt, hört man nur leise murmelnde Stimmen. Wird es draußen dunkel, besinnt sich die Familie also auf ihre Werte und sitzt brav beisammen, spielt vielleicht ein Brettspiel oder erzählen sich die Erlebnisse des Tages. Vielleicht sitzen sie allerdings auch alle getrennt in ihren Zimmern und gucken Fernsehen.

Nur am Wochenende, da wird abends öfter mal über die Stränge geschlagen. An den freien Tagen gibt es häufig Feiern und erweiterte Familientreffen. Bis spät in die Nacht hört man sie dann palavern, lachen und häufig auch streiten. Die beiden Töchter machen sich dann – ganz die Mama – einen Spaß daraus ihren Vater zu ärgern. Der ist dann aber meist schon so betrunken, dass er kaum einen vernünftigen Satz artikulieren kann.

Obwohl die Feiern häufig bis 2 oder 3 Uhr ziehen, stehen sie am nächsten Tag pünktlich um 7 Uhr wieder alle vorm Bad und brüllen sich gegenseitig an und der Vater gibt ein gelangweiltes “Bla bla bla” von sich.

So ist sie halt, die Familie von nebenan.