Der Spiegel und das Web2.0, das wird wohl nie eine echte Liebesbeziehung. Zwar gehört SPON zu den meist verlinkten Webseiten der Blogosphäre, auf der anderen Seite hat man allerdings meist nur Häme und Spott für die Laienjournalisten übrig. Noch schlimmer ist es allerdings, wenn sich Politiker in die 2.0 Spähren des Netzes vorwagen.

Da ist der Vorstoß des hessischen SPD-Spitzenkandidaten in die Weiten des Web2.0 natürlich wiedermal ein gefundenes Fressen. TSG –wie er inzwischen neckisch genannt wird- ist ja bekanntlich der Kandidat ohne Chance, das wird jedenfalls immer wieder betont, dennoch hält es ihn nicht davon ab, mal ein paar innovative Ideen auszuprobieren und wilderten im Obama’schen Web2.0-Wahlkampf.


Spiegel-Online empört
sich dabei hauptsächlich an dem YouTube-Video-Versuch von Schäfer-Gümbel. Am Anfang des Videos entschuldigt er sich brav in die Kamera und widmet sich dann den Sinn und zweck der ganzen Mission: Er macht Wahlkampf und zwar Interaktiven d. h., er wirft ein paar Themen in den Raum und bittet die Zuseher darum, ihn Fragen und Anregungen zu schicken.

SPON ist das allerdings zu langweilig, sie wollten wohl eher Schäfer-Gümbels Gang nach Canossa sehen – ein indirektes „also wir investigative Journalisten hätten da nachgehakt“ schwingt beim Spiegelbeitrag dann halt immer mit. Was bei Obama noch Begeisterung auslöste und als große Innovation geadelt wurde, ist beim Schäfer-Gümbel halt wieder total doof. Deutsche Politiker sollen schließlich mit den Zeitungen reden.

Vielleicht fürchtet der Spiegel um seine Deutungshoheit politischer Inhalte oder vielleicht sind die Journalisten einfach zu eitel, um sich dem Thema mal auf ernsthaftere Weise anzunähern. Auf jeden politischen Innovationsversuch im Internet wird sofort mit der verbalen Keule eingeschlagen, bis es am Ende wieder heißt: „Richtige“ Berichterstattung gibt es nur hier.

Dabei muss meiner Meinung nach jeder Versuch, Politik wieder näher an den Menschen zu bringen, gelobt werden. Ob das bei TSG so klappt, kann ich mir im Moment weniger vorstellen. Die Aktionen wirken tatsächlich wie mit der heißen Nadel gestrickt.

So ist die Unterstützer-Webseite zwar von einer Agentur zusammengezimmert worden, die griffen aber gleich mal auf ein kostenloses Design von freeCSStemplates zurück. Selbst für ein so kurzfristiges Projekt sollte man doch als Werbeagentur immer was in der Schublade haben und etwas mehr bieten als eine simple „Unterschriften-Liste“. Warum überhaupt zwei Gümbel’sche Webseiten im Netz stehen ist sowieso unverständlich.

Im Moment wirkt Online-Wahlkampf in Deutschland, wenn er überhaupt durchgeführt wird, immer so als dürfe er nichts kosten und man mache es eigentlich nur, weil alle es irgendwie erwarten. Die Webschiene wird einfach nicht konsequent gefahren. Wenn der Kandidat schon in Facebook auftaucht, dann sollte er (oder zumindest die Agentur dahinter) regelmäßig Nachrichten posten, dass wenigstens der Eindruck erweckt wird, er würde sich mit den Leuten im Netzwerk auseinandersetzen. Obama hat’s ja eigentlich vorgemacht, aber irgendwie versteht das scheinbar keiner.

Eine richtige Strategie im Online-Wahlkampf in Deutschland ist also auch im Jahre 1 nach Obama nicht in Sicht. Schön dargestellt werden diese trüben Aussichten übrigens in dieser Studie vom netzpolitik-Macher. Aber ein Schäfer-Gümbel ist halt kein Obama und Hessen nicht die USA, trotzdem hoffe ich, dass es in Deutschland auch irgendwann mal losgeht, mit der Politik 2.0 – allein meiner Masterarbeit wegen wäre das schon echt toll.

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