09.
November
2006
Ich muss gestehen, ich führe derzeit ein Doppelleben. Tagsüber bin ich der hart arbeitende gewissenhafte Student. Doch nachts bin ich etwas anderes, etwas Übermenschliches. Dann kann ich fliegen, mich von einem Ort zum nächsten teleportieren und in Sekundenschnelle mein Aussehen verändern. Ja ich bin ein Superheld, aber nur in meinem zweiten Leben – in Second Life.
Second Life, das ist eine virtuelle Welt und in Grundzügen eigentlich das, was es schon unzählige Male vorher gegeben hat: ein 3D-Chat-Programm. Doch Linden Lab, die Entwicklerfirma hinter Second Life, macht einiges anders als ihre Vorgänger. Sie stellt nur die Plattform bereit, die Inhalte der Welt füllen die User. Web 2.0 trifft 3D-Grafik beschreibt wohl am Besten, wie Second Life funktioniert. Hunderttausende von Nutzern verzeichnet das Spiel bereits und täglich werden es mehr. Sie alle verändern die Welt mit ihren Häusern, Fahrzeugen, Spielen und Landschaften und viele verbringen tagtäglich mehrere Stunden in ihrer Welt.
Nachdem ich nun schon einiges über Second Life gehört und auch Martin es ganz beiläufig erwähnt hatte, entschloss ich mich das Experiment zu wagen und dieses Spiel zu testen. Wie soll ich mir denn eine Meinung bilden, wenn ich es nicht ausprobiere?
Der 23 MB-kleine Client ist sehr schnell runtergeladen und die Anmeldung beansprucht auch nicht mehr als 2 Minuten, sodass man innerhalb von 10 Minuten bereit ist für die virtuelle Realität.
Die Möglichkeiten, die sich einem dann aber bieten, sind gewaltig. So entdecke ich recht schnell, Eisenbahnstrecken, Swimmingpools, Discos, oder Casinos mit Pokertischen und Einarmigen Banditen, die zum Spielen einladen. Es gibt aber auch allerlei Seltsames. So bewundere ich ein sehr schönes Schloss, als ich plötzlich völlig abstrakte Sexspielzeuge und Bilder von nackten Frauen an den Wänden sehe – ein virtuelles Bordell!
Ich unterhalte mich mit der „Besitzerin“, die gerade dabei ist neue Gegenstände für ihr Etablissement zu erstellen. So erfahre ich, dass das Bordell erst in einer Woche aufmacht und sie es komplett selbst erstellt hat. Sie lädt mich ein, die Gerätschaften auszuprobieren, aber als plötzlich Darth Vader mit riesigem Umschnalldildo um die Ecke kommt, weiß ich, dass es Zeit ist, zu gehen.
Die nächsten Minuten hoppe ich von einem Ort zum nächsten. Viele der schönen Häuser sind mit einer Barriere umgeben, die fremde User aussperrt – so sieht Privatsphäre in Second Life aus. Kurze Ablenkung bietet mir eine Wasserrutsche, die ich gerne benutze. Auf meinen Streifzügen begegnen mir Flugzeuge, Raumschiffe und Hubschrauber. Jeder der genug Geld hat sich solche Transportmittel zu kaufen oder kreativ genug sie sich selbst zu machen, versucht durch möglichst aufwendige Accessoires aufsehen zu erregen.
Später am Abend treffe ich mich mit Martin von Blogsburg. Dank ihn finde ich auch einige kostenlose Klamotten für meinen Avatar im GNUbi Store. Außerdem wohnen wir einer etwas skurrilen Demonstration bei. In einem Biergarten haben sich ein paar Gestalten versammelt, und skandieren lautstark, dass sie Bier wollen. Als sie letztlich doch einsehen, dass es keinen Wirt gibt, geben sie entnervt auf. Kurz nach Mitternacht ist es dann genug, ich logge mich aus, mein echtes Leben verlangt nach Schlaf.
Second Life macht durchaus Spaß, derzeit sehe ich es aber nur als aufgemotzten Chat. Die Kommunikation darüber fällt ungemein leicht und macht wirklich Spaß. Fragt man mich jedoch als Spieler, würde ich von SL abraten, die Steuerung ist zu hakelig und es ruckelt, wenn zu viele User auf einen Fleck versammelt sind. Auch will es mir nicht in den Kopf, das viele Spieler Unmengen (echtes) Geld ausgeben um sich Häuser, Kleidung oder anderen Schnickschnack zu kaufen.
Als Kommunikationswissenschaftler und Medienpädagoge allerdings ist Second Life faszinierend. Unternehmen wie Amazon, Adidas oder Toyota bereits mit virtuellen Läden in Second Life vertreten sind. Hier lässt sich Geld verdienen, das wissen auch die User und verdienen im Spiel echtes Geld als Architekten, Immobilienmakler oder Designer. Selbst Livekonzerte und Theaterstücke werden aufgeführt.
Auch die Wissenschaft hat sich der virtuellen Welt angenommen. In eigens erstellten Hörsälen werden Seminare und Vorlesungen abgehalten. Die Einbindung von Präsentationen, Videos und Audio ist kinderleicht. Mein nächstes Ziel ist es, an einem solchen Seminar teilzunehmen, um herauszufinden, wie sich das Lerngefühl von anderen Arten des virtuellen Lernens unterscheidet.
Wer also Lust bekommen hat, mal in Second Life reinzuschauen und zusammen mit mir diese exotische Welt zu erkunden, der sei herzlich eingeladen. Unter den einfallslosen Namen Buzze Racer bin ich in der virtuellen Realität unterwegs.
Nachtrag: Martin hat lustigerweise ebenfalls die Erlebnisse des gestrigen Abends veröffentlicht, hier nachzulesen.
6 Reaktionen auf “Versuchskaninchen im zweiten Leben”
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Mein zweites Leben at Blogsburg
Pingback vom 9. November 2006 um 17:39



9. November 2006 um 17:53
Klingt interessant. Vielleicht melde ich mich mal an. Und dann auch bei dir.
9. November 2006 um 19:27
So So ein Superheld ich bin schockiert,ich habe nichts davon geahnt….denke ich werd mir das auch mal anschauen
11. Dezember 2006 um 11:19
das hört sich ja echt fett an … aber da besteht dann wieder die gefahr das man sich ganz und ganz dem game hin gibt .. ich will damit sagen das das auch sehr gefährlich seien kann .. kenne einen freund der hat wegen einem game ein ganzes jahr verschenkt und nur gezoggt ..er reut es heute ,,, ich will nur vorwahnen
11. Dezember 2006 um 11:46
Die Gefahr besteht natürlich definitiv. Aber so lang ich ein richtiges Leben habe, hab ich gar keine Zeit im der ruckelnden virtuellen Welt zu sein
Mich interessiert, studienbedingt, das pädagogische Potential des Lernens und Lehrens in der virtuellen Realität von SL.
22. Januar 2007 um 02:47
Mehr Infos zu den Abenteuern im neuen Cyberspace gibt’s in diesem Second-Life-Blog auf fudder:
–> http://fudder.de/rubrik/blogs/second-life/