Tibet. Dach der Welt. Heimat der höchsten Berge der Welt. Gewaltige Gletscher, Schnee unwirtliche Gegenden und harte Lebensbedingungen. Das Bild von Tibet ist im Ausland geprägt von solchen Bildern. Sicherlich stimmen sie alle, genau das bietet Tibet dem Reisenden, aber es gibt noch viel mehr zu sehen. Um ehrlich zu sein haben meine Schuhe in den 5 Tagen nicht ein Mal Schnee berührt.

Tag 3: Bayi

Am dritten Tag unserer Reise starteten wir unchristlich früh zu einer Tour nach Bayi, einer Stadt 400 km östlich von Lhasa. Wir sollten für diesen Katzensprung fast 10 Stunden brauchen. Dabei waren nicht mal die Berge für die lange Fahrt verantwortlich, sondern die kuriosen Tempolimits. Dabei werden die 400km in zwei Stücke von etwa 80 und 250km zerlegt. Am Anfang und am Ende der jeweiligen Etappe stehen Posten der Traffic Police. Beim ersten Posten bekommt der Fahrer einen kleinen Zettel vom Beamten gereicht auf dem die Startzeit der Etappe eingetragen wird. Außerdem bekommt er eine Zeitvorgabe, wie lange er mindestens für die Strecke brauchen muss. Ist er zu schneller da, als die Zeit vorgibt, zahlt er am Ende der Strecke eine Geldstrafe.

Aufbruch in den frühen Morgenstunden.

Das System ist gar nicht mal so doof, allerdings hält sich natürlich kein Schwein dran. Die vorgegebenen Zeiten sind teilweise einfach viel zu hoch angesetzt. Für die 80km-Strecke bekam unser Fahrer eine Vorgabe von zwei Stunden – etwas viel für ein eigentlich recht flaches gerades Stück Straße.

Das führt dazu, dass die Tibeter also trotzdem Rasen wie die begasten, egal ob Bus, LKW, Jeep oder Van, egal ob befestigte Straße oder Schotterpiste mit gewaltigen Schlaglöchern. Zwei bis drei Kilometer vor der Polizei-Kontrolle halten sie einfach an, essen oder sitzen einfach nur rum und rauchen. Es kann auch vorkommen, dass ausgiebig am Straßenrand gepicknickt wird. Tibeter sind nämlich leidenschaftliche Picknicker hab ich mir sagen lassen, im Sommer sind alle grünen Wiesen entlang der Straße mit Decken, Essen und Menschen gefüllt.

Unser Fahrer war recht human mit der Auslegung des Tempolimits, nicht zu langsam und nicht zu schnell – eine gesunde Mischung. So konnten wir wenigstens die Landschaft, die Menschen und die unzähligen Tiere auf und neben der Straße genießen. Denn kaum ließen wir die endlosen Gewächshausreihen Lhasas hinter uns begann das Tibet der Acker- und Viehbauern. Überall standen Yaks, Kühe, Schweine und anderes Getier herum. Es kam durchaus vor, dass eine Horde Schweine über die Straße huschte oder eine Kuh es überhaupt nicht einsehen wollte, warum sie denn jetzt von der Straße herunter sollte, nur weil da ein Auto mit vier verdutzt guckenden Menschen steht und hupt.

Die sehr komfortable Straße, die wir befuhren wandte sich immer am Fluss entlang und die grelle, warme Sonne ließ ein wenig das Gefühl aufkommen in Italien zu sein. Die Landschaft war karg, nur wenige Büsche gab es hier und da, ab und an gab es Bäume an der Straße. Die Häuser der Dörfer duckten sich Flach in die Landschaft, als würden sie sich verstecken wollen. Die traditionellen schwarzen Tür- und Fensterumrahmungen sorgten nicht nur für den „tibetischen“ Look, auch soll so im Winter die Luft, die ins Haus strömt, leicht erwärmt werden – schwarz Strahlt ja gut Wärme ab. Auf jeden Haus steht ein kleiner Busch mit Gebetsfahnen: Glücksbringer für die Bewohner.

Was auffällt sind die vielen neuen Häuser, die überall entstehen. Sie sehen nicht nur neu aus, sind auch wesentlich luxuriöser: ordentliche Fenster, etwas größer und ein eigenen Brunnen vorm aus. Ein riesiger Fortschritt, wenn man bedenkt, dass viele noch ihr Wasser aus dem Bach neben dem Dorf beziehen. Trotzdem gefallen mir die alten Häuser besser, irgendwie strahlen die kleinen windschiefen Häuschen mehr Charme aus.

Als wir höher fahren, werden die Siedlungen kleiner und weniger, die schwarzen Zelte der Nomaden tauchen dafür häufiger auf. Yak-Herden stehen grasend auf den spärlich bewachsenen Wiesen herum. Dabei sind sich die Wiederkäuer nicht zu schade auch steilste Berge zu erklimmen. Erstaunlich, wenn man bedenkt, was das für riesige Tiere sind. Noch höher als die Yaks sind eigentlich nur die Gebetsfahnen, die bunt über Berge und Flüsse gespannt sind.

Vom MaLhi-Pass Richtung Lhasa geblickt

Als die Landschaft kaum noch trostloser werden kann, erreichen wir einen Pass über den MiLha Mountain. Ein gewaltiges Yak steht dort in Stein gehauen. Einige Händler verkaufen Gebetsfahnen und andere religiöse Gegenstände. Tibeter müssen beten, wenn sie einen Pass überqueren, so auch unser Guide Tashi. Wir sind mit der Tatsache beschäftigt, dass wir uns gerade auf 5013 Meter Höhe befinden – höher als der höchste Berg der Alpen. Dabei sieht der Pass gar nicht so hoch aus. Von nun an wird es nur bergab gehen, wir werden am Ende unserer Reise auf 2500 Meter hinab gefahren sein.

Was nun innerhalb der nächsten Stunden passiert, ist etwas unwirklich: Erst langsam, dann schnell nimmt der Baumbestand rechts und links von uns zu. Goldene Laubwälder schmiegen sich unglaublich schön an die Felswände. Es wird immer grüner je weiter wir fahren und wir befinden uns noch über 3000 Meter! Irgendwann ist es nicht mehr möglich durch den dichten Wald um uns zu sehen, nur noch die Straße schlägt eine Schneise in das Dickicht. Es ist faszinierend, waren wir nicht gerade eben noch durch eine Mondlandschaft gefahren?

Auch die Dörfer ändern ihr Gesicht. Die Häuser sind deutlich größer, zweigeschossige Steinhäuser mit viel Holzverziehrungen – schließlich gibt es das hier genug. Sie wirken insgesamt viel bunter als die Häuser in Lhasa und Umgebung. Die Tiere rennen jedoch auch hier munter umher. Auffällig an den Häusern war ein kleiner Holzerker im 1. Stock – das Plumsklo. Es wurde einfach ans Haus gehämmert und von da aus kleckerten sie ihr Essen vor die Hauswand. Straßentoiletten waren einfache Bretterbuden über einen Graben gebaut. Andere Länder, andere Toiletten.

Irgendwann hält unser Fahrer am Seitenrand an und gibt zu verstehen, er wolle ein paar Äpfel kaufen. Und tatsächlich, am Straßenrand steht eine Reihe von Ständen, die unzählige Apfelsorten feilbietet. Lächelnd bieten uns die Verkäufer einige Kostproben, die uns überzeugen, einige der süßen Äpfel zu kaufen. Fahrer und Guide kaufen eine ganze Kiste der regionalen Spezialität. So langsam wird mir dieses Tibet unheimlich, immer häufiger erinnert mich die Landschaft an die Alpen. Nur die chinesischen Fahnen auf den Dächern der Häuser erinnert daran, wo wir eigentlich sind.

Älter als der Buddhismus in Tibet: eine 2500 Jahre alte Zypresse

Spätestens beim Eintreffen in Bayi jedoch wird auch dem Letzten klar, dass wir in China sind. Die Stadt ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack, wirklich nicht sehr ansehnlich. Sehr modern und sehr langweilig – aber wir bleiben ja nur eine Nacht. Unser eigentliches Ziel ist auch nicht die Stadt, sondern ein Wald außerhalb. Kein gewöhnlicher Wald, ein uralter Wald. Gigantische Zypressen wachsen hier in den Himmel, die älteste ist 2500 Jahre alt und über 50 Meter hoch. Völlig surreal stehen sie da, die gewaltigen Bäume und rauben den Atem. Der Park ist wunderschön und riesig, wir schaffen es nicht ihn ganz zu erkunden. Dafür treffen wir eine Kuh, die uns etwas irritiert anguckt und uns mal wieder den Weg versperrt. Die Sache ist aber schnell geklärt und die Kuh nimmt Reißaus.

Wir treffen einen alten Tibeter, der anscheinend die Kuh suchte. Er lächelt uns an und hätte sicherlich gern mit uns erzählt – es ist schon traurig, dass wir die Sprache nicht beherrschen, Tibeter plaudern doch so gerne. Wer weiß, was der Mann uns alles hätte erzählen können. So bleibt uns nicht weiter, als dieses Naturwunder zu verlassen und unser Hotel zu suchen.

Über dieses Hotel will ich allerdings den Mantel des Schweigens legen, nicht nur dass es schon wieder ein unmögliches Frühstück gab, das lustlos von einem Küchenjungen hingeschmissen wurde, auch störte eine herumlaufende Maus unseren Schlaf. Der kleine Racker hatte anscheinend unsere tollen Äpfel gerochen und wollte sich daran verköstigen. Wir schliefen dann mit eingeschaltetem Flurlicht, dass die Maus vertrieb. Ich konnte mich dabei gut entspannen, mein Anhang weniger. Sie war am nächsten Morgen etwas genervt.

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