Und wieder beschleicht mich dieses traurige Gefühl der Melancholie. Dieses altbekannte Gefühl, wenn sich die letzte Seite eines Buches nähert und die Geschichte zu Ende ist. Ein Buch nach spannenden Stunden und Tagen ausgelesen aus der Hand zu legen fällt oft schwer.

Aber was gibt es letztlich Schöneres! Der Held oder die Heldin hat es geschafft, sie haben die Farm / Welt / Universum oder ihren Hund gerettet und leben glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Was gibt es also zu trauern? Schließlich haben sie es geschafft, sie haben bis ans Ende des Buches überlebt, was nicht jeder Romanfigur vergönnt ist.

Der Gedanke, dass ich den kleinen Hobbit oder den runtergekommenen Raumfahrer nicht mehr wiedersehen werde, seine in meinem Kopf entstandene Welt verlassen muss, das macht traurig. Lesen ist ein viel persönlicherer Prozess als Filme sehen. Den Protagonisten einer Geschichte stellt sich jeder Leser anders vor, auch wenn sie alle dasselbe lesen. Diese kreative Freiheit bindet einen an das Buch und lässt einen immer weiterlesen.

In den vergangen zwei Wochen habe ich zwei Bücher zu Ende gelesen. Woran einerseits der Urlaub und andererseits das unsägliche Fernsehprogramm schuld ist. Zweimal musste ich also das Abschiedsritual durchführen, das bei mir heißt: Ist ein Buch zu Ende gelesen, fange kein neues innerhalb eines Tages an. Große Geschichten muss man sacken lassen.

Außerdem ist dieses Ritual hilfreich beim Lesen. Es ist schwer sich in eine neue Geschichte zu versetzten, wenn eine Alte noch zu präsent ist. So laß ich als vor knapp zwei Wochen Walter Moers’ Die Stadt der träumenden Bücher zu Ende. Ein wahnsinnig fantasiereiches Buch mit den kuriosesten Figuren, die man sich vorstellen kann. Von dichtenden Lindwürmern über kleine einäugige Gnome bis hin zu unheimlichen Schattenwesen. Wie bei Moers üblich mit vielen witzigen Illustrationen und einer verrückten Story in einer sehr bildhafter Sprache.

Dann kam ein Tag Lesepause, um mich dem neuen Buch zu widmen: Die Farben der Zeit von Connie Willis. Ein völlig anderes Buch. In einer komplizierten und verschachtelten Zeitreisestory springt man von einem Zeitalter ins nächste und verfolgt die wirklich amüsanten Versuche eines Historikers, den ausversehen veränderten Lauf der Geschichte wieder zu korrigieren. Eine rasante Fahrt durch das viktorianische England und gleichzeitig eine Hommage an Jeromes Drei Mann in einem Boot, ganz zu schweigen vom Hund. Dies kommt übrigens im englischen Titel wesentlich deutlicher raus. Da heißt der Roman nämlich To Say Nothing of the Dog: Or How We Found the Bishop’s Bird Stump at Last.

Zwei so unterschiedliche Bücher und doch dasselbe melancholische Gefühl am Ende. Doch wie sagte schon Victor Hugo Melancholie ist das Vergnügen, traurig zu sein. Also lese ich schon wieder ein neues Buch, es ist mir einfach ein Vergnügen – beim Lesen und beim Zuklappen des Buches.

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